Als Popmusiker und Produzent hat Christopher von Deylen alias Schiller reichlich Erfahrung mit dem Ab- und Aufwickeln von Kabeln. Da kann er sich auf der “Polarstern“ direkt nützlich machen. Und als er dann sein Studio an Bord einrichtet, sieht er sie: die erste Eisscholle.

der tag beginnt frueh - immer noch schoenstes sonnenlicht, aber winterliche temperaturen. ich ziehe meine arbeitskleidung an: eine kombination aus einer extrem ilsolierenden, windabweisenden jacke und hose mit neopren-futter. das material hat auftriebs-eigenschaften, wirkt also wie eine schwimmweste - im falle eines falles gut zu wissen. dazu rutschfeste arbeitsschuhe mit stahlkappen fuer die arbeit an deck.

nach dem obligatorischen stellmanoever (wo sind die rettungsboote? wo ist der sammelplatz bei alarm?) geht es aufs arbeitsdeck. zum glueck kann ich mich gleich heute nuetzlich machen - es muss eine vielzahl von kabeln verlegt werden, die fuer die kommunikation zwischen dem quest kontrollcontainer und dem schiff bzw. der bruecke noetig sind. netzwerkkabel, videoleitungen fuer diverse deck-kameras sowie das kabel fuer die sogenannten posidonia-daten. hiermit kann das schiff den quest ueber ein antennensystem jederzeit orten. da ich mich mit dem verlegen und zusammenbuendeln von kabeln halbwegs auskenne, helfe ich marcel vom quest-team. bewaffnet mit einem buendel kabelbinder geht es los und wir entknoten und verlegen diverse leitungen an deck. der rest des teams beschaeftigt sich mit dem quest-roboter, beginnt mit dem einbau von kameras und der vernetzung des kontrollraums.

spaeter bringe ich meine studio-ausruestung in den raum, den mir der fahrtleiter michael klages zur verfuegung gestellt hat. er befindet sich auf dem a-deck und bietet eine tolle aussicht. die polarstern verfuegt ueber drei fahrstuehle, so dass wir die flightcases bequem vom arbeitsdeck nach oben bringen koennen. nur das letzte deck ist ausschliesslich via treppe zu erreichen.

als ich gerade dabei bin, meine kabelverbindungen zu machen, blicke ich zufaellig aus dem fenster und sehe - eine eisscholle. tatsachlich. nachdem es bisher hiess, dass die wahrscheinlichkeit fuer 'eis-sichtungen' in diesem jahr sehr gering sei, treibt nun tatsaechlich arktisches eis am schiff vorbei. sofort greife ich meine kamera und laufe an deck - das will ich mir nicht entgehen lassen. bestimmt ein dutzend mittelgrosser eisschollen. ich druecke auf den ausloeser. aber das sollte nur der anfang gewesen sein. innerhalb der naechsten stunden nimmt die dichte immer weiter zu, bis schliesslich die eisbrecher-qualitaeten der polarstern gefragt sind. sie schiebt sich auf das meterdicke eis und bricht sich ihren weg frei. muehelos wie es scheint, nicht das geringste vibrieren ist zu spueren. links und rechts des bugs treiben die zerborstenen eisfragmente richtung heck.

wir unterbrechen unsere arbeit und stehen an deck, bestaunen das schauspiel. das eis veraendert immer wieder seine form, seine farbe. zwischen dem 'weissen eis' gibt es immer wieder azur-blaue segmente. dieses eis hat durch einen komplizierten suess- und salzwasseraustausch ueber viele jahre seine farbe veraendert und ist daher besonders alt. auch heute beendet zum glueck keine einfallende dunkelheit den tag, so dass wir noch lange an deck stehen und auf die weite aus eis hinausblicken.