Mülheim. Mülheim 1824 - als die Delle noch die Hauptstraße der Stadt war und „Mathes in den Mauen“ hatte, wer richtig arbeiten und anpacken konnte.

Mülheim vor 200 Jahren. Wir schreiben das Jahr 1824. Seit 16 Jahren ist Mülheim eine Stadt. Hier leben damals 16.420 Menschen, von denen 12.855 evangelisch, 3283 katholisch und 252 jüdisch sind.

Die Stadtrechte wurden noch von der napoleonischen Besatzungsmacht verliehen. Doch seit 1815 sind Napoleon und seine vom Großherzog Joachim Murat ausgeübte Herrschaft an der Ruhr Geschichte und das bis 1806 zur landesgräflichen Herrschaft Broich gehörende Mülheim Teil des Preußischen Königreiches. Die Delle, die den Kirchenhügel mit der Ruhr verbindet, ist damals so etwas wie die Hauptstraße der Stadt.

Mülheims Bürgermeister beschwert sich regelmäßig über Lärm der nahen Gaststätten

Das Wohn- und Amtshaus von Mülheims Bürgermeister Christian Weuste an der Delle, gezeichnet von Fritz Loehr.
Das Wohn- und Amtshaus von Mülheims Bürgermeister Christian Weuste an der Delle, gezeichnet von Fritz Loehr. © Stadtarchiv Mülheim   | Stadtarchiv Mülheim

Ein Rathaus hat Mülheim noch nicht. Sein 1822 gewählter Bürgermeister, Christian Weuste, damals gerade mal 35 Jahre alt, wohnt und arbeitet in seiner Wohnung an der Delle, wo er sich regelmäßig über den Lärm der nahen Gaststätten beschwert. 1827 schreibt der erste hauptamtliche Verwaltungsbeamte Mülheims über den Zustand der Stadt:

„Innerhalb der Stadt sind noch bedeutende Strecken unbebaut und die Straßen durch unanständige Zäune abgeteilt. Die Häuser stehen wie hingeworfene Würfel und jeder baut bisher nach Willkür in eigenem Gefallen.“

Als Bürgermeister war Christian Weuste ab 1822 Mülheims erster hauptamtlicher Verwaltungschef.

„Innerhalb der Stadt sind noch bedeutende Strecken unbebaut und die Straßen durch unanständige Zäune abgeteilt. Die Häuser stehen wie hingeworfene Würfel und jeder baut bisher nach Willkür in eigenem Gefallen.“

Christian Weuste
Bürgermeister von Mülheim

Sechs verunglückte Bergleute und ein toter Postbote in Mülheims Ruhrschleuse

Und in seiner Funktion als Polizeichef schreibt Weuste im gleichen Verwaltungsbericht: „In der hiesigen, sehr ausgedehnten Bürgermeisterei, bei dem mannigfachen Gewerbe und der durch die Beschäftigung entschuldigten wenigen Zivilisation der Einwohner erfordert die Polizeiverwaltung eine restlose Anstrengung. Dieselbe ist in manchen Beziehungen schwierig. Die beiden Polizeidiener sind ohnehin nicht mehr die ruhigsten und deshalb wäre bessere Aushilfe zu wünschen.“

Für das Jahr 1824 verzeichnet Weuste 27 Diebstähle, eine Brandstiftung und zwei Selbstmorde, sechs auf der Zeche Wiesche verunglückte Bergleute und einen Postboten, der tot in der 1780 eröffneten Ruhrschleuse aufgefunden worden sei.

Mülheimer Jahresrückblicke

Keine Brücke über Mülheims Ruhr: Es fährt die Schollsche Fähre

Weuste wird Mülheim in seinen fast 30 Amtsjahren voranbringen. In seiner Amtszeit wird das Straßennetz ausgebaut. Ein Hafen an der Ruhr entsteht. Die erste Rührbrücke und das erste Rathaus werden gebaut.

Doch das ist vor 200 Jahren noch Zukunftsmusik. Die Mülheimer müssen mit der Ruhrfähre der Familie Scholl übersetzen, die später als Kaufleute (Tengelmann) von sich reden machen. An der Ruhr sind noch zahlreiche Schiffer und Kohlenhändler ansässig. Hinzu kommen Handwerker, Händler, Landwirte und Arbeiter.

Vor 200 Jahren gab es noch keine Ruhrbrücke. Deshalb kamen die Mülheimer und Mülheimerinnen nur mit der Schollschen Fähre über den Fluss.
Vor 200 Jahren gab es noch keine Ruhrbrücke. Deshalb kamen die Mülheimer und Mülheimerinnen nur mit der Schollschen Fähre über den Fluss. © Stadtarchiv Mülheim   | Stadtarchiv Mülheim

Wer in Mülheim anpacken und arbeiten kann, hat „Mathes in den Mauen“

Der erfolgreichste Kohlenhändler und Ruhrschiffer ist der damals 34-jährige Mathias Stinnes, der sich vom Schiffs- und Kohlenjungen zum Kohlenhändler, Reeder und Bergwerksbesitzer hochgearbeitet hat. Sein zupackender Arbeitseifer ist legendär. Wer in Mülheim anpacken und arbeiten kann, hat in den Augen seiner Nachbarn deshalb „Mathes in den Mauen“, also: „Mathias in den Muskeln.“ Vor 200 Jahren ist Mathias Stinnes bereits an 36 Bergwerken beteiligt und lässt seine Kohle von 65 Schiffen über Rhein und Ruhr transportieren.

Im Jahr 1824 fahren 65 Ruhrschiffe für den Mülheimer Unternehmer Mathias Stinnes, der an 36 Bergwerken beteiligt ist. 
Im Jahr 1824 fahren 65 Ruhrschiffe für den Mülheimer Unternehmer Mathias Stinnes, der an 36 Bergwerken beteiligt ist.  © Stadtarchiv

Neben Stinnes gehören der seit 1791 im Luisental ansässige Textilfabrikant Johann Caspar Troost (65), Johann Dinnendahl (44), der seit 1820 in Mülheim ein Eisenwerk betreibt, aus dem später die Friedrich-Wilhelms-Hütte werden wird, die in dritter Generation betriebene Tabakfabrik der Familie von Eicken und die 1643 von der Familie Vorster in Broich betriebene Papierherstellung sowie die seit 1801 von den Familien Coupienne und Pelzer betriebene Gerberei im Rumbachtal zu den produktiven Arbeitgebern der Stadt.

In Mülheim gefertigtes Sohlenleder ist im In- und Ausland gefragt

Das bei Coupienne und Pelzer hergestellte Sohlenleder ist im In- und Ausland gefragt. Gefragt sind damals auch die dienstags und freitags auf dem Kirchenhügel abgehaltenen Wochenmärkte, die Händler und Kunden aus der gesamten Rhein-Ruhr-Region anziehen. Außerdem sorgen anno 1824 fünf Mülheimer Jahrmärkte für gute Stimmung und gute Konjunktur an der Ruhr.

Mülheim 1824 - weitere Bilder

Vor 200 Jahren fand Mülheims Wochenmarkt an der Petrikirche statt. Der Kortum-Brunnen, den man hier sieht, wurde aber erst 1939 errichtet. 1824 start der Schöpfer von Hieronymus Jobs, Karl Arnold Kortum, im Alter von 79 Jahren.
Vor 200 Jahren fand Mülheims Wochenmarkt an der Petrikirche statt. Der Kortum-Brunnen, den man hier sieht, wurde aber erst 1939 errichtet. 1824 start der Schöpfer von Hieronymus Jobs, Karl Arnold Kortum, im Alter von 79 Jahren. © Stadtarchiv
Vor 200 Jahren hieß die Straße „Auf dem Dudel“ noch Luisenstraße: Dort standen solche Fachwerkhäuser, in denen die Familien der Mülheimer Ruhrschiffer lebten.
Vor 200 Jahren hieß die Straße „Auf dem Dudel“ noch Luisenstraße: Dort standen solche Fachwerkhäuser, in denen die Familien der Mülheimer Ruhrschiffer lebten. © Stadtarchiv
Mülheim um 1820: Neben der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Petrikirche sieht man die erste, 1790 eingeweihte, Marienkirche.
Mülheim um 1820: Neben der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Petrikirche sieht man die erste, 1790 eingeweihte, Marienkirche. © Stadtarchiv Mülheim   | Stadtarchiv Mülheim
Die Mülheimer Unternehmerfamilie Troost vor ihrer Weberei auf einem Gemälde von 1828.
Die Mülheimer Unternehmerfamilie Troost vor ihrer Weberei auf einem Gemälde von 1828. © Stadtarchiv Mülheim | Stadtarchiv Mülheim
Blick auf die erste, 1790 eingeweihte Marienkirche, und die Petrikirche in Mülheim (Zeichnung: Fritz Loehr).
Blick auf die erste, 1790 eingeweihte Marienkirche, und die Petrikirche in Mülheim (Zeichnung: Fritz Loehr). © Stadtarchiv Mülheim | Fritz Loehr
Mülheim um 1820: Eine Zeichnung von Fritz Loehr.
Mülheim um 1820: Eine Zeichnung von Fritz Loehr. © Stadtarchiv Mülheim | Fritz Loehr
Ruhrblick auf Mülheims Kahlenberg um 1820, gemalt von J. Wetzel 1887.
Ruhrblick auf Mülheims Kahlenberg um 1820, gemalt von J. Wetzel 1887. © Stadtarchiv Mülheim   | J. Wetzel
Mülheims erste Ruhrschleuse (Baujahr 1780) ging 1824 in ihr 44. Betriebsjahr, gezeichnet von Fritz Loehr.
Mülheims erste Ruhrschleuse (Baujahr 1780) ging 1824 in ihr 44. Betriebsjahr, gezeichnet von Fritz Loehr. © Stadtarchiv Mülheim | Fritz Loehr
1824 arbeitet der Dichter und Pädagoge Hermann Adam von Kamp seit zehn Jahren in Mülheim.
1824 arbeitet der Dichter und Pädagoge Hermann Adam von Kamp seit zehn Jahren in Mülheim. © Stadtarchiv
1824 stirbt der in Mülheim geborene und aufgewachsene Dichter der Jobsiade, Carl Arnold Kortum, im Alter von 79 Jahren. 
1824 stirbt der in Mülheim geborene und aufgewachsene Dichter der Jobsiade, Carl Arnold Kortum, im Alter von 79 Jahren.  © Stadtarchiv
Johann Dinnendahl gründet 1820 ein Eisenwerk, aus dem später die Friedrich-Wilhelms Hütte vorgeht.
Johann Dinnendahl gründet 1820 ein Eisenwerk, aus dem später die Friedrich-Wilhelms Hütte vorgeht. © Stadtarchiv

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