Gelsenkirchen-Buer. Wirtschaftsalarm: Emscher-Lippe-Region sieht starken Konjunkturrückgang, IHK kritisiert Planlosigkeit der Stadt Gelsenkirchen.
Wenn schon vor zehn Monaten Alarmstimmung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) geherrscht hat, dann dürfte der erneute Absturz des Konjunkturbarometers im Emscher-Lippe-Raum nunmehr als Anzeichen von aufkommender Panik gedeutet werden. Der Wirtschaftsindex Elix ist auf den zweitschlechtesten Wert abgerutscht – auf 71,7 (vorher: 89,4).
„Die Auftragslage der Unternehmen ist mittlerweile so schlecht wie zuletzt während der Finanzkrise 2009“, sagt Jochen Grütters, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Leiter des Standorts Emscher-Lippe der IHK Nord Westfalen. Die gut 300 Unternehmen (1,8 Milliarden Euro Umsatz) im IHK-Bezirk mit Geschäftsbeziehungen zu den USA blicken demnach in eine düstere Zukunft. Für die Emscher-Lippe-Region sind die schätzungsweise 100 Unternehmen (500 Millionen Euro Umsatz).
40 Prozent der Unternehmen im Emscher-Lippe-Raum beurteilen ihr Geschäft als schlecht
Nur noch ein Fünftel der Betriebe im Emscher-Lippe-Raum beurteilen ihre Geschäfte als positiv, 40 Prozent stufen es als schlecht ein und gerade einmal sechs Prozent sind optimistisch, dass sich die Lage alsbald bessert. Entsprechend desaströs fällt die Prognose für die kommenden sechs Monate aus.
Die hiesige Wirtschaft rechnet demnach „mit Export- und Umsatzrückgängen und einer steigenden Arbeitslosigkeit“ – befeuert vom drohenden Handelskrieg zwischen den USA und China, durch Strafzölle und wegbrechende Märkte für die Exportnation Deutschland. Und natürlich durch das Scheitern der Regierungskoalition, die Zeit kostet (Neuwahlen, Regierungsbildung). Zeit, die für notwendiges „schnelles Handeln“ und für „notwendige Entlastungsmaßnahmen“ fehlt. Auch für die Binnenkonjunktur sagen die Experten eine lähmende Wirkung voraus.
„Es gibt Städte mit einem Masterplan Wirtschaft, Gelsenkirchen gehört leider nicht dazu.““
Raus aus der drohenden „Rezession“ komme man nur mit einem „Befreiungsschlag“. Grütters, seine IHK-Kollegin und Regionalbeauftragte Katja Venghaus, sowie die beiden Geschäftsführer der S-Private Banking GmbH der Sparkasse Gelsenkirchen, Michael Hottinger und Martin Westrich, sind sich sicher, dass nur eine „Turbo-Modernisierung“ eine Wirtschaftswende einleiten kann. Nötig dafür seien „niedrigere Steuern, Zinsen und Energiepreise sowie wesentlich einfachere und schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren.“
Der Gesetzgeber habe mittlerweile schon vier Beschleunigungspakete, verabschiedet, Bürokratieentlastungsgesetze genannt, einen spürbaren Effekt hat das Quartett aber bislang noch nicht ausgemacht. Westrich: „Investitionen in Standorte ersticken unter Gutachten für den Emissions- oder Artenschutz und kommen einfach nicht voran.“ Folge: Die heimischen Produkte verlieren an Wettbewerbsfähigkeit, was dem Bund deutlich niedrigere Steuereinnahmen beschert – für die vier Experten ein Teufelskreis.
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Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus Bochum. Mark 51, das Gelände des früheren Opelwerks dort, ist heute ein prosperierender Standort von neuen Unternehmen, unter anderem mit Zukunftstechnologie – Robotik zum Beispiel. Stadt und Unternehmen als Flächen-Eigentümer haben Jochen Grütters zufolge „Visionen gehabt“ und frühzeitig die Weichen mit „Fördergeldern“ gestellt. Hier in Gelsenkirchen fehlt es seiner Einschätzung nach daran, man sei zu spät in die Entwicklungsprozesse eingestiegen: „Es gibt Städte mit einem Masterplan Wirtschaft, Gelsenkirchen gehört leider nicht dazu.“ Im Blick hat der Wirtschaftsvertreter dabei beispielsweise die langjährige und langwierige Entwicklungsgeschichte des Standorts Zeche Westerholt.
Und was ist mit dem Gewerbegebiet Europastraße, ehemals gehörte die Fläche zum Hüttenwerk Schalker Verein – sie wurde doch erfolgreich umgestaltet, oder? Unter dem Strich sind dort zu viele Logistik-Betriebe, die viel Fläche benötigen und wenig Arbeitsplätze schaffen, so die Einschätzung.
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