Siegen/Kreuztal. Nicht mehr Linienbusse, aber noch lange kein Taxi: Im neuen Nahverkehrsplan suchen die ehrenamtlichen Bürgerbusse ihren Platz – und finden ihn.

Die Bürgerbusse suchen ihren Platz im öffentlichen Nahverkehr der Zukunft. Wenn in Siegen-Wittgenstein künftig der Flexbus da, wo kein Linienverkehr (mehr) stattfindet, spätestens in einer Stunde an der Haltestelle ist und Fahrgäste zum nächsten Verknüpfungspunkt mit Linienbus und/oder Bahn bringt, wollen die Bürgerbusvereine ihren bisherigen Service erweitern. „Dieser bürgernahe Bedarfsverkehr ermöglicht es dann den Fahrgästen, ihre Mobilität im Alltag deutlich zu steigern, sei es für Arztbesuche, Einkäufe oder den Besuch von Freunden und Bekannten“, heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung, „die Bürgerbusse holen die Fahrgäste nahezu vor der Haustür ab und bringen sie, auch mit Einkäufen und Rollatoren, sicher nach Hause.“

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Grundlage für eine solche Umstellung ist der Paragraf 44 des Personenbeförderungsgesetzes, der Linienbedarfsverkehr ohne feste Linien und Fahrpläne ermöglicht. „Wir warten auf die Entscheidungen der Kreistage, damit wir bald mit dem verbesserten Bürgerbus-Service starten können“, erklärt Achim Walder, langjähriger Vorsitzender des Bürgerbusses Kreuztal und ehemaliger Vorsitzender der Bürgerbusse in Wenden, Netphen und Bad Laasphe. „Die Gespräche mit den Parteien und Politikern waren sehr konstruktiv.“

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Der Weg zum Rufbus

Seit über 26 Jahren verkehren in der Region Siegen-Wittgenstein und Olpe Bürgerbusse. Sie fahren täglich nach einem genehmigten Fahrplan und bedienen feste Haltestellen entlang eines festgelegten Linienwegs. Ein Beispiel hierfür ist der Bürgerbus in Kreuztal, der auf einer Strecke von 250 Kilometern rund 150 Haltestellen an fünf Tagen pro Woche anfährt. Allerdings führten im Jahr 2021 rückläufige Fahrgastzahlen, bedingt nicht nur durch die Corona-Pandemie, sondern auch durch steigende Betriebskosten, zu einem finanziellen Defizit. Als Reaktion darauf stellten die Bürgerbusse in Kreuztal und Wilnsdorf als erste in der Region auf ein Rufbusmodell um. Bei diesem Modell werden Fahrten nur nach telefonischer Voranmeldung durchgeführt. Dies führte zu einer Reduzierung der Betriebskilometer und Betriebskosten um zwei Drittel, während gleichzeitig die Fahrgastzahlen um etwa zehn Prozent anstiegen. Auch in Netphen konnten durch ein neues Linien- und Fahrplankonzept im Jahr 2022 deutliche Verbesserungen im Betriebsergebnis erzielt werden.

Allerdings bleiben einige Herausforderungen bestehen, sagen die Bürgerbusvereine: Haltestellen, die mehr als 100 Meter entfernt liegen, sind für viele ältere Bürger schwer erreichbar, insbesondere in Gebieten mit Stichstraßen, unzureichender Infrastruktur wie fehlenden Bürgersteigen, unbefestigten Wegen oder steilen Anstiegen. Zudem sind starre Fahrpläne und vorgegebene Linienwege oft nicht flexibel genug, um den tatsächlichen Bedürfnissen der Fahrgäste gerecht zu werden. Die Taktung der Busse entspricht ebenfalls nicht immer den Alltagsanforderungen, was zu weiteren Einschränkungen führt. Neuerdings können Bürgerbusvereine beim Land Fördermittel von bis zu 10.000 Euro pro Verein für die Einführung eines Bedarfsverkehrs beantragen. Dieses neue Modell ist nicht an feste Linien oder Fahrpläne gebunden. Fahrgäste können eine Bürgerbus-Haltestelle als Start- oder Zielpunkt wählen, wobei der zweite Ort, beispielsweise die eigene Wohnadresse, frei wählbar ist. Fahrten müssen im Voraus bestellt und bestätigt werden.

Um den Erfolg dieses Modells weiter zu fördern, fordern die Verkehrsbetriebe Westfalen Süd (VWS) und die Bürgerbusvereine eine Anpassung des Nahverkehrsplans, die den Einsatz eines „Inseltarifs“ weiterhin erlaubt – also Fahrkarten, die nur für den Bürgerbus und nicht auch für den gesamten öffentlichen Nahverkehr gelten. Auf diese Weise wäre, trotz On-Demand-Verkehr mit Flexbussen, die Zukunft der Bürgerbusse gesichert, heißt es in der Pressemitteilung. „Dies würde es den Bürgerbusvereinen ermöglichen, dem möglichen Rückgang der Fahrgastzahlen ab 2028 entgegenzuwirken.“

Zwischen Flexbus und Taxi

Der Kreuztaler Bürgerbusverein werde, anders als der Flexbus, weiter an einem Fahrplan festhalten, der die vier Linien von 8 bis 18 Uhr vier Mal statt bisher drei Mal täglich bedient, kündigt Achim Walder an. Die Fahrten werden dann so koordiniert, dass Fahrgäste im etwa 250-Meter-Umkreis der bestehenden Haltestellen aufgenommen und zu den fest eingerichteten Haltestellen gefahren werden, in der Regel Arztpraxen oder Einkaufszentren. Ein taxiähnliches Angebot werde das nicht, betont Achim Walder: Der Bus wäre dann viel zu lange durch einen einzelnen Fahrgast gebunden. „Wir holen auch abends niemanden an der Kneipe ab.“

Achim Walder
Achim Walder © WP | Hendrik Schulz

„Wir holen auch abends niemanden an der Kneipe ab.“

Achim Walder, Bürgerbus Kreuztal

Bürgerbusse, sagt Achim Walder, seien ein Angebot für kleinere Kommunen – „Kreuztal ist eigentlich zu groß.“ Die ehrenamtlich erbrachten Leistungen werden auch in Zukunft beschränkt bleiben, zum Beispiel, wie in Netphen, auf einzelne Wochentage oder nur an Vormittagen, dann näher an der Haustür als zum Beispiel der Flexbus, aber eben nicht zu beliebigen Zeiten und nicht so nah wie das Taxi, das im Gegensatz zum Bürgerbus („erzwungenermaßen“) das Deutschlandticket nicht akzeptiert. Wobei das Taxi, wie Achim Walder aus Erfahrung weiß, gerade in kleineren Ortsschaften oft auch nur schwer zu bekommen ist: Die wenigen Wagen dort sind gut mit Schul-, Kranken- und Flughafenfahrten ausgelastet. Und weil Bürgerbusse meist auch entlegene Ortsteile auslassen, in Hilchenbach zum Beispiel Lützel, Oechelhausen oder Grund, wird es vorkommen, dass trotz neuem Nahverkehrsplan für manche Fahrgäste auch nach 2028 gar nichts besser wird. So seien für Krombach und Littfeld keine Flexbusse vorgesehen, hat Achim Walder festgestellt. „Wenn Sie an der Dicken Buche wohnen, sind Sie arm dran.“

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