Hagen. Jürgen Quent hat nach einem Herzinfarkt sein Leben umgekrempelt. Jetzt liebt er Extrem-Touren und radelte von Garenfeld bis nach Palermo:
Ja, es war auch und vor allem die Herzerkrankung, die dazu geführt hat, dass Jürgen Quent aus Hagen sein Leben um 180 Grad gedreht hat. „Ich hatte mit 43 Jahren einen Herzinfarkt, mittlerweile 6 Stents. Damals habe ich noch 27 Kilo mehr gewogen und 80 Zigaretten geraucht. Das bringt einen schon zum Nachdenken. Mittlerweile sieht mein Leben ganz anders aus.“
Jürgen Quent ist mittlerweile 64 und liebt, das sagt er selbst, die Extreme. Er testet sich und seine körperlichen Fähigkeiten gerne. Er mag es, den Widrigkeiten der Natur zu trotzen und an seine Grenzen zu gehen. Gleichzeitig mag er die Stille, die Ruhe in der Natur, wenn er nur unter einem Tarp - also einer einfachen Plane - auf dem Boden liegt und eine weitere Nacht in der Wildnis verbringt. „Auf meinen Touren kann ich abschalten. Manchmal denke ich dann einfach an nichts und bin nur bei mir selbst.“
„Auf meinen Touren kann ich abschalten. Manchmal denke ich dann einfach an nichts und bin nur bei mir selbst.“
Schon etliche Länder durchkreuzt
Erst vor kurzem ist er von einer seiner längsten Touren zurückgekehrt - von Garenfeld bis nach Palermo und zurück, alles auf zwei Rädern, gut 4560 Kilometer mit gerade einmal vier Ruhetagen. „Nur“ neun Wochen war er dieses Mal unterwegs. Wo andere sich verwundert die Augen reiben, geht Jürgen Quent mittlerweile einfach los. Etliche Reisen und viele Abenteuer liegen bereits hinter ihm. Er war zweimal in Nepal, durchkreuzte die Wildnis in Lappland zu Fuß, wanderte von München nach Venedig, stieg auf Klettersteigen auf die Zug- und Alpspitze, durchquerte Madeira nur mit einem Zelt im Gepäck, wanderte im Himalayagebirge, fuhr mit dem Fahrrad nach Afrika oder pilgerte dreieinhalb Monate bis „ans Ende der Welt nach Santiago de Compostela“.
Jeden Tag zur Feuerwache gejoggt
„Ich bin eher ein Einzelgänger, zumindest bei meinen Reisen“, sagt der 64-Jährige. „Genauso lerne ich aber auch Menschen unterwegs kennen, mit denen ich teilweise bis heute noch in Kontakt stehe und auch mal kleinere Touren zusammen unternehme“, sagt er und lächelt. „Am Ende stelle ich immer wieder fest - auch wenn wir andere Sprachen sprechen, lachen wir doch über ähnliche Dinge und haben ähnliche Wünsche und Träume“, sagt Quent.
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Er ist in Hagen geboren, lebt in Garenfeld, hat vier Kinder und Enkelkinder, „meine Frau ist früh an ihrer Krebserkrankung verstorben. Auch das war so ein Wendepunkt“, sagt er rückblickend. Damals arbeitete er noch in der Leitstelle der Feuerwehr, nahm also das Telefon ab, wenn irgendwo in der Stadt Hilfe benötigt wurde. „Regelmäßig bin ich übrigens auch zur Arbeit gejoggt, ich habe Sport, Aktivität und Reisen dann nach dem Herzinfarkt erst so richtig für mich entdeckt.“
Ruhrtalradweg mit „kleinem“ Abstecher
Sein Start- und Zielpunkt, „das ist immer mein Zuhause“, gibt er Einblicke. So auch bei seiner letzten großen Radtour. Das Motto: „Ruhrtalradweg mit Abstecher nach Palermo“. Wobei er unter Abstecher vielleicht etwas anderes versteht, als es die meisten Menschen tun würden. „Ich beschäftige mich vorher mit den Strecken und Wegen, manchmal habe ich sogar nur einen Kompass und Karten dabei“, sagt Quent. Verlaufen oder Verfahren, das ginge ohnehin nicht, „man kann höchstens einen Umweg nehmen“, sagt er und lacht. Zu Fuß schaffe er im Schnitt etwa 30 bis 40 Kilometer am Tag, mit dem Rad natürlich etwas mehr.
„Ich bin unterwegs am liebsten und so oft es geht autark - mit so wenig Gepäck wie möglich. Bei dieser Reise, das muss ich einräumen, habe ich allerdings häufiger ein Zimmer gemietet, als ich es sonst mache.“
Auch seine große Rad-Reise startete Mitte April in Garenfeld und führte ihn zunächst über den Ruhrtalradweg Richtung Winterberg. „Dort habe ich unter freiem Himmel übernachtet - ich bin unterwegs am liebsten und so oft es geht autark. Bei dieser Reise, das muss ich einräumen, habe ich allerdings häufiger ein Zimmer gemietet, als ich es sonst mache“, so Quent. Jedenfalls führte ihn seine Reise durch Hessen Richtung Österreich und Reschenpass in den Alpen. „Dort hat mich ein fürchterlicher Regen erwischt und ich habe das erste Mal überlegt, ob ich mit dem Bus weiterfahre. Der Busfahrer hat mich allerdings nicht mitgenommen“, erinnert sich Quent und grinst. Also ging es weiter mit dem Rad - bis nach oben, bei -3 Grad und Schnee. Von dort aus fuhr er weiter Richtung Gardasee, „dort habe ich dann nach elf Tagen zum ersten Mal zwei Tage Pause eingelegt.“
Nur vier Tage Pause eingelegt
Seine Strecke führte ihn dann weiter über Bologna, Florenz, Rom und Neapel bis nach Salerno (2 Tage Pause). Von dort aus ging es mit der Fähre Richtung Sizilien und Palermo, wo er noch einmal zwei Tage Pause einlegte. Da packte ihn zum ersten Mal die richtige Sehnsucht nach zu Hause. „Aber Abbrechen kommt für mich nicht infrage. Klar, gibt es immer wieder mal Momente, in denen man sich fragt: Was machst Du da eigentlich? Kannst Du das wirklich schaffen? Aber dann bleibe ich dran, und diese Momente vergehen relativ schnell“, sagt Quent, der zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Wochen auf zwei Rädern unterwegs war.
Von Palermo aus ging es dann mit der Fähre nach Sardinien und von dort aus mit dem Schiff nach Frankreich. „Kurz gefasst bin ich von dort aus einem schönen Radweg bis nach Trier gefolgt, der am Ende bis nach Duisburg führt, statt den Direktweg über Köln zu nehmen“, so der Hagener. Denn: „Ich wollte ja, wo es möglich ist, den Ruhrtalradweg fahren.“ Über diesen ging es dann für ihn zurück bis nach Garenfeld. Wieder zu Hause - nach neun Wochen unterwegs.
Zu Fuß einmal durch ganz Deutschland
Angst habe er übrigens nie, „ich habe auch nie schlechte Erfahrungen gemacht - im Gegenteil“, sagt Quent. Auch sein Kardiologe sei überaus stolz auf ihn, dass er sich so fit halte, „andere erklären mich eher für verrückt …“
Unterwegs zu sein, das mache ihn glücklich. Und natürlich sind auch längst die nächsten Touren in Planung: Demnächst geht es mit seiner Freundin auf den Megamarsch - 50 Kilometer Extremwandern. Wobei auch Extremwandern bei Jürgen Quent vielleicht eine andere Bedeutung hat, als bei einem „Otto-Normal-Verbraucher“. Bei all den Ländern, die er bereits bereist hat, gibt es immer noch Ziele, die er vor Augen hat: Amerika beispielsweise zählt dazu. „Nächstes Jahr habe ich aber zunächst geplant, zu Fuß einmal ganz Deutschland zu durchqueren. An der Schweizer Grenze geht es los, 1200 Kilometer bis nach Sylt auf die andere Seite.“