Duisburg. . Immer mehr Singles gehen online auf Partnersuche. Fabienne Piepiora macht den Selbstversuch. Soviel vorab: Ein paar Charmante waren auch dabei.
16,8 Millionen Singles leben in Deutschland. Ich bin einer von ihnen. Seit ein paar Monaten bin ich wieder auf dem Markt. Das letzte Mal, als ich bewusst „gedatet“ habe, gab es noch keine Smartphones. Meinen ersten Freund habe ich interviewt – er war Frontmann einer Band. Ein anderer hat mich in der Bahn angequatscht, und nach dem Weg gefragt. Der Letzte mir im „Finkenkrug“ ein Bier mitbestellt. Nun ist es Zeit für einen Selbstversuch in der virtuellen Welt. Da allerdings nur die Anbieter von dem Test wissen, sind alle Namen geändert.
Wisch und Weg mit „Tinder“
„Tinder“ ist der Klassiker. Sämtliche Freundinnen haben sich die kostenlose Dating-App heruntergeladen, sie mit ihrem Facebook-Profil verbunden und bekommen seitdem Seiten von Singles in der Nähe angezeigt. Ich bin bestens im Bilde wie die Abende laufen. Sie erzählen von Kai, Tim, Thomas, Mahmut und Jörn, wieder Tim. Wisch oder weg – schon ist der nächste Kandidat für einen heißen Abend gefunden. Doof nur, wenn Jörn sich mit der einen Freundin trifft und mit der anderen flirtet, und die beiden sich kennen. So fangen normalerweise mittelmäßige Hollywood-Komödien an...
Im Zeichen des Froschkönigs
Mein Ding ist das nicht. Stattdessen entscheide ich mich für „Once“. Die App mit dem Froschkönig-Zeichen versteht sich als Slow-Dating-App. Pro Tag bekommt man(n) oder Frau einen Vorschlag angezeigt. Anschließend hat man 24 Stunden Zeit, zu reagieren. Ein Herzchen für „Ja“. Ein Kreuz für „Nein“. So genannte „Matchmaker“ scannen Fotos und Interessen. Entscheiden sich beide für „Ja“ gibt’s ein Match. Der Kontakt ist hergestellt. Das Handyprogramm ist prinzipiell kostenlos. Wer sich allerdings sein nächstes „Match“ aussuchen möchte, kann „Kronen“ kaufen. Auch für einen Chat mit einem Vermittler kann man zahlen, damit die Vorschläge noch besser passen.
Ich lade ein paar Fotos hoch. Porträts und solche aus dem letzten Urlaub. In meinem Profil soll ich Alter, Größe, Job angeben. Noch eine kurze Beschreibung: reiselustig, gerne auf Konzerten, mit Pumps und Gummistiefeln im Schuhschrank. Dann warte ich ab, was passiert.
Das erste Bild ist von Max. Er guckt sympathisch. In seiner Nachricht steht nur heiße Luft. Der Nächste Bitte. Jeden Tag in der Mittagspause kommt ein neuer Vorschlag: Mann mit Hund, Mann im Auto, Mann im Urlaub. Manchmal haben die Jungs erstaunlich wenig an. Dann wieder entwickeln sich online erste Gespräche: „Hey, wie geht’s dir?“ Lutz bezeichnet sich selbst als „Ladenhüter“. Nach einem ersten Telefonat ahne ich, warum: Er ist ziemlich mürrisch. Thomas bin ich hingegen zu emanzipiert – er sucht eine Frau, die ihn bekocht und ihm die Hemden bügelt. Ganz anders Marc: Er bietet mir an, meine Wohnung zu putzen – nackt. Angehängt sind Bilder mit seinem Argument. Danke. Nein. Wahrscheinlich liegt’s an mir: ich bin wohl zu kompliziert...
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An einem Tag erstarre ich: Den Typen, der mir angezeigt wird, kenne ich. Er heißt Kevin. Wir waren zusammen im Kindergarten. Wir haben Buden gebaut, Schatzsuche auf dem Bauernhof seiner Eltern gespielt. In der Grundschule trennten sich unsere Wege. Danach habe ich ihn noch einmal auf einer Party getroffen. Er stand mit einem Bier in der Hand etwas verloren herum. Später erzählte er von seinen Reisen. Den Inkatrail ist er ein halbes Jahr vor mir gelaufen. Nun sehe ich sein Foto, wie er vor Macchu Picchu posiert. Wir haben uns immer gut verstanden. Jetzt ist es mir ein bisschen peinlich, ihn wieder zu sehen.
Mit immerhin einem gehe ich aus. Wir haben ein paar Mal geschrieben und telefoniert. Wir treffen uns in einem Café in Essen. Er sieht so aus wie auf den Fotos. Keine Selbstverständlichkeit. Wir unterhalten uns über die Jobs. Er fragt mich aus, wie der Alltag als Journalistin so ist; will wissen, was ich zur Flüchtlingskrise sage und von Trump halte. Ich schalte in den Interview-Modus, antworte. Mein Gegenüber hat eine Ausbildung gemacht, sich hochgearbeitet. Er preist seinen Erfolg an wie bei einem Verkaufsgespräch. Damit erinnert er mich an die Jungs, die in der Schule in der ersten Reihe gesessen und geschnipst haben, wenn sie etwas wussten. Nervig. Nach einem Kaffee verabschiede ich mich. Es wird Zeit zu „Parship“, den Singles mit Niveau, zu wechseln.
Singles mit Niveau
Bevor ich mir ein Profil anlegen kann, muss ich einen Fragebogen ausfüllen. Was ist mir bei einem Partner wichtig? Wie würde ich meinen Stil beschreiben? Schlafe ich bei offenem Fenster? Wie reagiere ich, wenn mein Partner sich auf einer Party länger mit einer anderen Frau unterhält? Am Ende bekomme ich eine Analyse: „Entscheidungen treffe ich mit Kopf und Bauch gleichermaßen“ steht dort. Außerdem sei ich natürlich, nicht langweilig und geradeheraus. Das alles kann nur ich lesen. Auf dem sichtbaren Profil wird nach Größe, Alter, Kinderwunsch, letzten Reisen gefragt, und was ich mache, wenn ich schlecht gelaunt bin. Ein paar Fotos dazu – fertig.
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Anders als bei anderen Börsen ist das Profil erst einmal anonym. Männer sehen die Bilder nur verschwommen, müssen mir eine Kontaktanfrage schicken, damit sie klar werden – vorausgesetzt, sie haben sich für ein Premium-Abo entschieden. Männer und Frauen zahlen für eine Vollmitgliedschaft 74,90 Euro pro Monat bei sechs Monaten Laufzeit. Bindet man sich ein Jahr reduziert sich die Gebühr auf 54,90 Euro. Nur wer ein Abo abschließt, kann auf andere Nachrichten unbegrenzt reagieren, freigegebene Fotos ansehen und bekommt eine Analyse, wie gut man zusammenpasst. Wie viele Suchende genau registriert sind, darüber gibt „Parship“ keine Auskünfte. Eine Sprecherin erklärt: „In Sachen Mitgliederzahlen konzentrieren wir uns auf die Neukunden. Bei Parship ist es ja nicht das Ziel, besonders lange Mitglied zu sein, sondern in einem angemessenen Zeitraum auch fündig zu werden. Wir haben pro Jahr im Schnitt 1,5 Mio. Neuanmeldungen.“
Es dauert nicht lange, bis mein Postfach überquillt. Für jede Aktion bekomme ich eine Mail: „Selbstständig, attraktiv, 45“ sendet Ihnen eine Nachricht. „Jurist, 43, humorvoll“ gefällt ein Bild.“ „Gruppenleiter, 34, abenteuerlustig“ schickt ihnen ein Lächeln. Beim „Winzer, 43, familiär“ bleibe ich hängen. Es entspinnt sich ein Mail-Wechsel über Ackerbau, Wein und den 2015er Jahrgang. Interessant, aber im Hinterkopf habe ich die Stimme von Inka Bause aus „Bauer sucht Frau“: „Der warmherzige Winzer Werner sucht ein wunderbares Weib.“ Nach zwei Telefonaten eröffne ich ihm, dass ich mich in der Stadt ganz wohl fühle. Der Nächste bitte.
Mit Cem – „Unternehmer, 44, 102, kreativ“ verabrede ich mich. Er beschreibt sich selbst als „Altpunk“, ist in Istanbul geboren, wuchs aber im Rheinland auf. Der Querdenker steckt in feinem Zwirn, war kurz vor unserem Treffen noch in Istanbul. Der Abend ist wie eine Reise. Wir unterhalten uns in einer edlen Bar über die Türkei, Erdogan und Kunst. Später geht’s in eine Künstlerkneipe. Er sieht gut aus, sehr sogar. Das Gespräch ist toll, aber ich merke: Er ist nicht mein Typ. Der Nächste Bitte.
Beim Treffen mit Kai fühle ich mich endgültig wie in einer Folge „Sex and the city“. Er lädt mich zu einem Drink auf die Dachterrasse eines Nobelrestaurants ein. Leider ist die Aussicht auf den Rhein das einzig Bezaubernde an diesem Abend.
Online-Dating beginnt mich zu nerven. Ständig kommen irgendwelche neuen Anfragen. Die Gespräche drehen sich im Kreis: Wo kommst du her? Worüber schreibst du? Sollen wir uns treffen? Viele taugen nur zu einer Anekdote für einen lustigen Mädelsabend. Ich logge mich aus. Lieber gehe ich mit offenen Augen durch die Welt als ständig aufs Handy-Display zu starren, und neue Nachrichten zu schreiben.