Essen. . Seit Januar sind in deutschen Zirkussen vier Elefanten gestorben. Seit 1997 sollen es 30 sein. Tierschützer fordern ein Wildtierverbot. Kommunen wie Krefeld ebenfalls. Zumindest die Städte scheitern an der unübersichtlichen Gesetzeslage.
Der Kopfstand mag putzig aussehen, gesund ist er nicht. Artgerecht schon mal gar nicht. Kein Elefant in der afrikanischen Steppe würde freiwillig seine drei bis vier Tonnen Gewicht auf die Stirn und den Rüssel verlagern. Sandrin, eine Elefantenkuh aus dem Zirkus Krone, auch nicht. Sie musste es aber.
Obwohl das Landesamt für Umwelt und Naturschutz NRW bei einer Untersuchung 2010 feststellte: „Die Gelenkveränderungen sollten Anlass geben, sie nicht mehr auftreten zu lassen.“ Zwei weitere Jahre hieß es für Sandrin dennoch fast täglich „It’s Showtime“. Anfang dieses Monats starb die Elefantendame mit nur 29 Jahren. „An Herz-Kreislaufversagen“, vermutet der Deutsche Tierschutzbund.
Für den Zirkus Krone war Sandrin „das zweite geliebte Mitglied der Krone-Familie, das binnen weniger Monate verstarb“. Im Mai hatte sich der 48-jährige Colonel Joe bereits von dieser Welt verabschiedet. Seit 1997 sollen es 30 Dickhäuter sein.
Etwa 75 Elefanten gibt es in deutschen Manegen
„So geht es nicht weiter! Es ist an der Zeit, dass der Zirkus Krone endlich Konsequenzen zieht und die Haltung von Elefanten aufgibt“, fordert Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Doch nicht nur Krone wurde 2012 vom plötzlichen Elefantentod überrascht. Im Januar stirbt „Mausi“ (31) vom Zirkus Voyage und im Februar „Maya“ (41) von Universal Renz. In freier Wildbahn werden die Tiere 70 bis 80 Jahre alt.
Pferde sind die Stars
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75 Elefanten fristen in deutschen Zirkussen laut den unterschiedlichsten Tierschutzverbänden das sprichwörtliche Hundeleben. „Um sie auf die Zirkusarbeit vorzubereiten werden sie gebrochen“, berichtet Peter Höffken von der Tierrechtsorganisation Peta. Als Jungtiere würden sie an allen vier Beinen gefesselt und geschlagen, damit sie sich dem Menschen unterwerfen. Während der Dressurar- beit würden sie mit einem „Elefantenhaken“, einem spitzen Metallhaken, malträtiert. Höffken: „Der Elefant im Zirkus ist sich seiner Stärke und Größe nicht bewusst.“
Zuweilen scheint die Erinnerung doch zurückzukehren: In den letzten 30 Jahren, so berichtet Höffken, wurden in Europa und Nordamerika 52 Menschen von Zirkuselefanten getötet, 145 zum Teil schwer verletzt. Allein in Deutschland haben in den letzten drei Jahren 17 Dickhäuter versucht, aus dem Zirkus zu fliehen.
Wildtiere in der Manege ziehen ohnehin nicht mehr
Die Begeisterung für Elefant, Affe & Co im Zirkus lässt nach. 64 Prozent der Deutschen haben laut einer GfK-Umfrage 2010 erklärt, dass Wildtiere im Zirkus nicht mehr zeitgemäß seien. „Das Bundesministerium von Ilse Aigner muss endlich handeln – ein Wildtierverbot für Zirkusse ist mehr als überfällig“, fordert Martina Stephany, Kampagnenleiterin der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“.
Zirkus Knie in Bochum
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Die Bundestierärztekammer spreche sich ebenso für ein Verbot von Wildtieren in reisenden Zirkusbetrieben aus wie der Bundesrat, der im November 2011 bereits zum zweiten Mal einen entsprechenden Entschließungsantrag an die Bundesregierung gestellt habe. Während in 14 europäischen Ländern das Verbot gilt, passiert in Deutschland wenig. In zehn deutschen Kommunen von Potsdam über Köln bis Speyer sind die Stadträte vorgeprescht, vermieten Zirkussen keine Standortplätze auf städtischen Gelände. Mit zum Teil mäßigem Erfolg.
Zirkus Krone pachtet in Köln Privatgelände
In Chemnitz konnte die Verwaltung 2010 den Auftritt des Zirkus Voyage trotz des Verbots nicht verhindern. Die übergeordnete Landesdirektion schaltete sich ein und strich kurzerhand das Wildtierverbot aus dem Pachtvertrag. In Köln, wo das Verbot seit 2008 gilt, pachtet der Zirkus Krone seither Privatgelände an.
Für den Tierschutz
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In Krefeld hat der Ausschuss für Landwirtschaft und Liegenschaften dem „Verbot von Wildtieren auf öffentlichen Flächen“ im Juni nicht zugestimmt: „Die generelle Vorenthaltung öffentlicher Plätze für eine als legal zu bezeichnende Tätigkeit dürfte nach Auffassung der Verwaltung einer gerichtlichen Prüfung nicht standhalten.“ Die Krefelder wollen jetzt den Deutschen Städtetag einschalten.
Zirkus Krone versteht die Aufregung nicht
Denn Ministerin Ilse Aigner wird Wildtiere vorerst nicht verbieten. Sie vertrete eine Lobby, die Tiere ausbeutet, sagt Höffken. „Die sind glücklich, dass unsere Ressourcen momentan im Kampf gegen die Wildtiere im Zirkus gebunden sind.“ Tierschutzorganisationen kümmerten sich dadurch weniger um die Ausbeutung von Tieren in Zoos und bei der Massentierhaltung.
Im Zirkus Krone versteht man die Aufregung nicht. Pressesprecher Markus Strobl berichtet vom Traumleben der Dickhäuter: mit Müsli am Morgen, zwei Bädern am Tag. Na, ja, den Elefantenhaken nutze man nur, weil er gesetzlich vorgeschrieben sei. Strobl hält den Untersuchungsbericht des NRW-Amtes für falsch und macht Colonel Joe mal eben 20 Jahre älter.
Vieles deutet darauf hin, dass die Geschwister von Sandrin, May und Mausi auch in Zukunft ihren Kopfstand machen müssen.
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