München. Die Proteste der Studenten haben offenbar Wirkung: Der Wissenschaftsrat hat nun erstmals Fehler bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge eingeräumt. Die Reform sei zu einseitig auf die Verkürzung von Studienzeiten ausgerichtet gewesen.

Angesichts der Proteste an den Hochschulen haben Wissenschaftsrat und Kultusministerkonferenz Verständnis für die Studenten gezeigt. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, räumte handwerkliche Fehler bei der Einführung der Bachelor-Studiengänge ein. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch (CDU), sagte, die Forderung nach einer Verbesserung der Studienbedingungen seien richtig.

Unterschiedliche Fächer seien über einen Kamm geschoren worden, sagte Strohschneider dem Nachrichtenmagazin «Focus». «Während einige Geisteswissenschaften mehr Struktur vertragen können, bräuchten die Ingenieurfächer eher mehr Freiheiten», sagte Strohschneider. Zudem sei die Bachelor-Reform zu einseitig auf die Verkürzung von Studienzeiten ausgerichtet gewesen. Gleichzeitig habe sich die finanzielle Ausstattung der Hochschulen weiter verschlechtert. Der Wissenschaftsrat berät unter anderem in Fragen der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hochschulen.

"Die Forderungen der Studierenden sind richtig"

"Die konkreten Forderungen der Studierenden, die vor allem darauf gerichtet sind, die unmittelbaren Studienbedingungen zu verbessern, sind richtig», sagte Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Tesch der «Bild am Sonntag». Nun seien die Hochschulen in der Pflicht, auf die Forderungen einzugehen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte ein Gespräch mit den Wissenschaftsministern der Bundesländer in den nächsten Tagen an. «Die Studenten haben ein Anrecht zu erfahren, was wir unternehmen, um die Lehre zu verbessern», sagte sie der «BamS».

Die Bundesregierung wird nach den Worten von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Dezember mit den Ministerpräsidenten beraten, wie die bis 2015 angestrebte Investition von sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung umgesetzt werden kann. Der Weg zur Bildungsrepublik werde ein beherrschendes Thema der nächsten Wochen sein, kündigte Merkel am Samstag in ihrem aktuellen Video-Podcast an.

Auch der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Christoph Markschies, äußerte Verständnis für bestimmte Forderungen. Der Kritik an Mängeln bei der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse schließe er sich an, sagte Markschies am Samstag im RBB-Inforadio. Andere Forderungen im Zuge der Studenten-Proteste lehnte Markschies ab. «Ich verstehe den Protest nicht, sofern er einen grundsätzlichen Systemwechsel will, also eine ganz andere Form von Bildung.»

Hörsäle an mehr als 50 Hochschulen besetzt

Aus Solidarität mit den Studenten in Deutschland versammelten sich nach einem Bericht der österreichischen Nachrichtenagentur APA in der Nacht zum Samstag rund 150 Wiener Studenten vor der deutschen Botschaft in Österreichs Hauptstadt. Angesichts der bundesweiten Proteste von Studenten solidarisierte sich die SPD am Samstag mit deren Forderung nach einem besseren Bildungssystem. «Die SPD nimmt die Forderungen und Kritik der Studierenden ernst und begrüßt das Engagement», heißt es in einer Resolution, die der Dresdner Parteitag der SPD beschloss.

Die Studenten hatten in den vergangenen Tagen ihren Protest gegen die Studienbedingungen an deutschen Unis nochmals deutlich ausgeweitet. Bundesweit waren am Freitag Hörsäle an mehr als 50 Hochschulstandorten besetzt. Weitere Aktionen gegen Missstände im Bildungssystem sind in Planung. (afp)