Hamburger Gymnasiasten sollen die Wahl haben, ob sie in acht oder neun Jahren das Abitur machen – das fordert eine Volksinitiative. Doch die Lehrerkammer warnt vor einer überstürzten Rückkehr zum klassischen Abi. Die Initiative ignoriere damit verbundene Probleme.

Hamburg. Im Streit um das „Turbo-Abi“ hat die Hamburger Lehrerkammer der Volksinitiative „G9-Jetzt-HH“ vorgeworfen, die vielen Probleme bei einer Rückkehr zum klassischen Abitur an Gymnasien bewusst auszublenden. „Die Forderung, parallel zu G8 auch immer die ein Jahr längere Variante anzubieten, ist nicht durchdacht“, sagte der Vorsitzende Engelbert Prolingheuer. „Die Initiative will das im Hauruckverfahren durchsetzen.“ Die Lehrerkammer warne angesichts des möglichen Volksentscheids vor einer überstürzten Wiedereinführung von G9.

„Ein sofortiges Wahlrecht würde zu ganz gravierenden Schwierigkeiten führen“, sagte der 37 Jahre alte Latein- und Philosophielehrer am Gymnasium Hamburg-Finkenwerder. Bestehende Klassen müssten auseinandergerissen werden. Wenn die Verteilung der G8/G9-Schüler nicht genau aufgehe, könne das einerseits überfüllte, andererseits zu kleine Klassen zur Folge haben. „Die Rückkehr zu G9 auf diesem Weg ist nicht bezahlbar und an den Schulen nicht zu organisieren.“

Die Elterninitiative kann sich bei ihren Forderungen jedoch auf Umfragen stützen, die sämtlich eine große Mehrheit für G9 sehen. „Sicherlich ist die Schule mit G8 stressiger geworden“, räumte Prolingheuer ein. Doch vor 20 Jahren habe es noch deutlich weniger Anmeldungen an Gymnasien gegeben. Folglich hätten heutzutage viele Gymnasiasten Schwierigkeiten mitzuhalten.

„Das Problem verschärft sich natürlich, wenn man den Stoff dann ein bisschen verdichtet.“ Es falle vielen Eltern einfach schwer zuzugeben, dass ihr Kind an einer Stadtteilschule besser aufgehoben sei – auch aus Prestige-Gründen. „Stattdessen wollen sie lieber eine möglichst leichte Zeit an Gymnasien für ihre Kinder“, kritisierte Prolingheuer.

CDU und Grüne hatten der Volksinitiative Kompromissvorschläge vorgelegt, um den Schulfrieden zu wahren. Im Kern könnten sich beide Oppositionsfraktionen vorstellen, dass die Gymnasien selbst entscheiden, ob sie wieder G9 anbieten wollen.

Doch auch diesen Lösungsvorschlag sieht die Lehrerkammer, in der überwiegend Mitglieder der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sitzen, skeptisch. „Das Hamburger Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Stadtteilschule würde über kurz oder lang geschwächt“, erklärte Prolingheuer. Der Zustrom zu den Gymnasien werde dann immer größer, das Leistungsniveau an den Stadtteilschulen sinke.

Die Volksinitiative hatte kürzlich Verhandlungen mit der alleinregierenden SPD unterbrochen, weil die Fraktion immer noch keinen konkreten Kompromissvorschlag vorgelegt habe. Dabei habe man immer wieder Bereitschaft zu Zugeständnissen gezeigt, hatten die Elternvertreter betont.

Stattdessen kündigte die Schulbehörde zur Verärgerung der Initiative an, vor weiteren Schritten erst einmal die Schulkonferenzen der 60 Hamburger Gymnasien bis Ende Mai in geheimer Abstimmung votieren zu lassen. Die Lehrerkammer begrüßt diesen Schritt: „Das ist eine gute Möglichkeit, ein Meinungsbild zu bekommen“, sagte Prolingheuer.