Oberhausen. Rosa Farbe, positive Sprüche an den Wänden – die Mädchen-Wohngruppe im Gerhard-Tersteegen-Institut wirkt nach der Sanierung hell und freundlich.
Wer die neue Wohngruppe für Mädchen im Gerhard-Tersteegen-Institut (GTI) in Oberhausen betritt, könnte meinen, sie sei nach Rollenklischees gestaltet worden: Die Wand im Eingangsbereich ist in Altrosa gestrichen, auf den Tischen stehen rosafarbene Kunstrosen und an den Wänden geben Sprüche wie „Glücklich steht dir gut“ positive Impulse. Doch die Optik der frisch sanierten Wohngruppe in der gemeinnützigen Einrichtung der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe ist mitnichten eine Entscheidung „von oben“ gewesen. Betreuende und Betreute durften ihre eigenen Ideen einbringen.
Geschäftsführerin Tanja Schulte-Lippern und Einrichtungsleiter Markus Wieck betonen, wie wichtig es ihnen war, die Kinder und Jugendlichen, aber auch das Team der Betreuerinnen, an den Entscheidungen zum Umbau zu beteiligen. „Betreute nehmen wahr, wo sich Wertschätzung ausdrückt“, glaubt Wieck. Und hier fange sie beim persönlichen Wohnbereich an. Genauso sollten die betreuenden Pädagoginnen ihren Arbeitsplatz mitgestalten. Denn wer durch seine Vorgesetzten Wertschätzung erlebe, der gebe diese auch an andere weiter, ist er überzeugt.
Keine Doppelzimmer mehr in der Mädchen-Wohngruppe
Im Februar haben die Umbauarbeiten an der Hermann-Albertz-Straße in Alt-Oberhausen begonnen. Kurz vorher sind die Mädchen aus der Wohngruppe „Orange“, sie sind zwischen zehn und 18 Jahre alt, in ein Übergangsquartier in direkter Nachbarschaft gezogen. Seit Juli wohnen sie nun in den neuen Räumen – und fühlen sich wohl, wie Pädagogin Annika Kratz berichtet. Gemeinsam haben sie die Küchenfronten ausgesucht, die Optik des Bodens, Wandfarben (vor der Sanierung dominierte, wie der Name der Wohngruppe verrät, die Farbe Orange). Hell, modern und gesellig wirkten die Räume nun, beschreibt Kratz.
Zuvor war der Eindruck davon eher „institutionalisiert“, findet Einrichtungsleiter Wieck. Der Flur war recht schmal und von ihm gingen alle Zimmer ab. Jetzt sind die Räume größer und offener gestaltet. Eine weitere wichtige Veränderung: Die Gruppe, zu der auch zwei Appartements gehören, hat nun acht Einzelzimmer. Vor der Sanierung waren es fünf Zimmer, davon einige doppelt belegt. Wenn Kinder nachts von zu Hause abgehauen sind, kamen sie unter Umständen in so ein Doppelzimmer, berichtet Wieck. „Das entspricht nicht mehr dem Standard.“
Trägerverein investiert 220.000 Euro in die Sanierung
Und auch für die Sanierung sei es an der Zeit gewesen, findet Tanja Schulte-Lippern, seit drei Jahren GTI-Geschäftsführerin. „Es ist einfach aufgefallen, dass da Bedarf ist.“ Ihrer Erinnerung nach habe es in den vergangenen 30 bis 40 Jahren an der Hermann-Albertz-Straße keine Sanierungsarbeiten gegeben. „Es wurde Zeit.“
Rund 220.000 Euro hat der Umbau gekostet. Finanziert wurde er durch den evangelischen Verein für Kinder- und Jugendhilfe, der Eigentümer aller Immobilien am Standort sei, erklärt Schulte-Lippern, gleichzeitig Vorstandsmitglied des Trägervereins. Für die Jungenwohngruppe, die im Jahr 2021 umgebaut worden ist, schlugen etwa 50.000 Euro weniger zu Buche. Dass die Mädchenwohngruppe teurer war, habe aber weniger mit der Ausstattung zu tun als mit der Preissteigerung, so die Geschäftsführerin.
Die Jungen-Wohngruppe „Mint“ sieht übrigens ähnlich aus, aber doch anders. Die Wände etwa sind weiß, auch eine Entscheidung der Bewohner. Mit geschlechtsspezifischen Vorlieben müsse das aber nichts zu tun haben, erklären Schulte-Lippern und Wieck. „Es ist eine Typfrage“, sagt die Geschäftsführerin. Geschmäcker seien eben unterschiedlich.
Es gibt auch eine gemischte Wohngruppe beim GTI in Oberhausen
Und so sprechen beide auch nicht davon, dass es in der Jungen- und Mädchengruppe jeweils unterschiedliche Herausforderungen gebe. Unterschiede sehen sie eher beim Alter denn beim Geschlecht. Die Nutzung digitaler Medien etwa sei für alle gleichermaßen Thema. Auch Fragen zur Geschlechtsidentität kämen immer häufiger auf, berichtet Einrichtungsleiter Wieck. Teils wünschten sich etwa als Mädchen auf die Welt gekommene Personen, die sich als männlich identifizieren, in einer Jungenwohngruppe zu wohnen und umgekehrt.
Gibt es in Zukunft also nur noch geschlechtsneutrale beziehungsweise gemischte Wohngruppen in der Jugendarbeit? Wieck verweist darauf, dass es beim GTI bereits eine sogenannte koedukative Wohngruppe gebe. Darüber hinaus seien gemischte Gruppen lange der Standard gewesen, ergänzt Schulte-Lippern. Sie wollen aber auch an den getrennten Wohngruppen festhalten. Denn einige der Jugendlichen haben Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht und sollen ihr Zuhause im GTI als Schutzraum erleben. „Wir versuchen, beide Bedürfnisse zu berücksichtigen“, sagt Wieck.
Und mit dem Umbau der Mädchen- und Jungenwohngruppe sowie der Erweiterung der Einzelzimmer ist sicherlich ein weiterer Schritt in diese Richtung getan.