Gladbeck. Die Polizeibehörde Recklinghausen will ältere Menschen stärker vor Betrug schützen. Jüngere Gladbecker können helfen – als „Next Generation“.
Sie erscheinen seriös und vertrauenswürdig; sie treten höflich, aber doch bestimmt auf. Kriminelle, die ihre Mitmenschen betrügen, es auf deren Hab und Gut abgesehen haben. Dabei ist den Männern und Frauen jede Masche recht, um ihre Opfer über den Leisten zu ziehen. Bei den Geschädigten handelt es sich in den allermeisten Fällen um ältere Menschen. Zu ihrem Schutz hat das Polizeipräsidium Recklinghausen eine Kampagne gestartet. „Next Generation“ heißt sie. Der Name deutet auf diejenigen, die bei der Prävention unterstützen können: jüngere Jahrgänge in Gladbeck und im gesamten Kreisgebiet. Ein landesweit einzigartiges Projekt.
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Gerade an zurückgezogen lebende ältere Menschen komme die Polizei mit ihren Botschaften nicht heran, so Andreas Wilming-Weber, Leiter der Pressestelle in der Polizeibehörde Recklinghausen. Er skizziert das Problem: „Grundsätzlich ist es schwierig, Senioren zu erreichen. Aufklärung und Information über Internet und Social Media gehen komplett an der Zielgruppe vorbei.“ Wiederholte Warnungen in der Tageszeitung und im Fernsehen verpuffen oder werden einfach wieder vergessen. Da kann noch so oft Alarm geschlagen werden, wenn falsche Polizisten, angebliche Bankangestellte und vorgetäuschte Handwerker auf Beutezug gehen. Immer wieder mit Erfolg, wie Wilming-Weber weiß: Bisweilen ergaunerten die Kriminellen fünfstellige Euro-Beträge und mehr.
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Aber es gibt auch die Kehrseite der Medaille: Mitmenschen, die aufpassen. Da wären beispielsweise Bankgestellte, die bei der älteren Kundschaft nachfragen, aus welchem Grund diese ad hoc große Summen ausgezahlt haben möchte. Dann können hanebüchene Geschichten ans Tageslicht kommen, wie der dubiose „Kollege“ oder Polizist, der Bares und Schmuck abholen will, um „sie in Sicherheit zu bringen“.
Gelangen die Betrüger ans Ziel und erfährt die Polizei davon, gehen diese Geschehnisse als „Straftaten zum Nachteil älterer Menschen“ in die Statistik ein. Andreas Wilming-Weber erläutert: „Die Täter suchen sich fast durchweg und gezielt Senioren aus. Die Opfer sind meist zwischen 75 und über 80 Jahre.“ Dabei sei wahrscheinlich die Dunkelziffer hoch, denn nicht jeder Fall wird angezeigt. Scham, das Gefühl, sich dumm und falsch verhalten zu haben, führen dazu, dass Taten verschwiegen werden.
Die Polizei warnt Gladbecker vor Betrugsanrufen
Der Polizeisprecher: „Es gibt eine große Grauzone. Manchmal ruft ein Täter 40, 50 Mal an, bevor er Erfolg hat.“ Steht ein Betrüger, beispielsweise als Handwerker oder Stromableser, auf der Matte, kommt er häufig in Begleitung: „Meist sind es zwei Personen: Eine lenkt ab, eine greift zu.“
Auch Angehörige leiden, wenn Betrüger zum Ziel gelangt sind
Ein großes Manko der älteren Opfergruppe sei ein eigentlich positives Verhaltensmuster. „Häufig ist das Begehren der Täter mit einer Bitte verbunden“, so Wilming-Weber. Und Hilfsbereitschaft führe auf den Weg des Opfers. Betrüger nutzen skrupellos die Verletzlichkeit von Senioren aus, geben sich per Telefon als Enkel aus, der angeblich einen Unfall hatte und dringend eine größere Geldsumme braucht. Das werde ein Freund abholen – das ist eine verbreitete Betrugsmasche. Und welche Großmutter macht sich in solch’ einer Situation nicht Sorgen und will helfen?
Rat der Fachleute
Fachleute des Kommissariates für Kriminalprävention und Opferschutz im Polizeipräsidium Recklinghausen sind ansprechbar für alle, die mehr Informationen zum Thema wünschen. Es kann auch eine persönliche Beratung vereinbart werden. Telefonischer Kontakt: 02361/553344. Email: RE.KK.KPO@polizei.nrw.de
Sprechzeiten sind montags bis freitags zwischen 9 und 15 Uhr. Es sind auch Termine nach Vereinbarung möglich.
Andreas Wilming-Weber, Leiter der Pressestelle in der Behörde, sagt: „Bei Bedarf verteilen wir unsere Flyer auch in Altenheimen, beispielsweise auch an Angehörige.“
Nicht nur der finanzielle Schaden schmerzt. In vielen Fällen, so Wilming-Weber, werfen sich Angehörige vor, nicht (besser) auf die älteren Familienmitglieder aufgepasst zu haben. Genau an diesem Punkt setzt das Polizeipräsidium mit „Next Generation“ an. „Das Konzept ist sozusagen ein Eigengewächs unserer Behörde“, sagt der Sprecher. Kinder, Enkel, aber auch Nachbarn und Bekannte sollen zu Beschützern von Senioren werden. Der Appell der Fachleute im Opferschutz lautet: „Sprechen Sie wiederholt über Betrugsarten und richtiges Verhalten.“ Das kann eine Rückversicherung über einen Fremden sein, der anruft oder in die Wohnung eingelassen werden will. Ist es tatsächlich das Enkelkind? Existiert dieser Handwerksbetrieb überhaupt?
Jüngere sollten Ältere sensibilisieren, auf Gefahren aufmerksam machen – und zwar immer wieder. Ein entscheidender Punkt: die korrekten Verhaltensweisen für den Ernstfall. Niemals sollten Unbekannte die Wohnung betreten dürfen, geschweige denn, dass Fremde Geld oder Wertgegenstände in die Hände bekommen. Im leisesten Verdacht, es könnte mit einem Telefonat etwas nicht stimmen: auflegen! Gar nicht erst in Gespräche verwickeln lassen, rät der Polizei-Fachmann. Denn die Täter seien so geschickt, dass sie ihren Opfern mit Fangfragen Informationen entlocken. Wie beim Enkeltrick: „Rate, Opa, wer hier am Telefon ist.“ Nicht zu vergessen: Eine Vertrauensperson zur Hilfe bitten.
Alle Informationen sind auf einem Flyer zum Thema zusammengefasst
All diese Informationen zu „Next Generation“ sind auf einem Flyer zusammengefasst. Was immer grundsätzlich gilt: die Polizei informieren, zum Beispiel über die Notrufnummer 110. Wilming-Weber: „Auch wenn es nicht zur Straftat gekommen ist.“ Er betont ausdrücklich, sollte sich jemand als Polizist ausgeben: „Wir fragen niemals nach Geld, PIN-Nummer oder Wertgegenständen.“ Sollte die Polizei anrufen, stehe „keine 110 im Display.“
Die Kampagne „Next Generation“ kann ältere Opfer schützen helfen. Sie ist ebenfalls auf die Zukunft gerichtet, denn „man wird ja auch selber älter.“