Berlin. Fünf Deutsche sind beim Gefangenenaustausch mit Russland freigekommen. Das sind die befreiten Häftlinge mit deutschem Pass.

Beim größten Gefangenenaustausch seit Ende des Kalten Kriegs wurden am Donnerstag im türkischen Ankara insgesamt 26 Menschen ausgetauscht. Beteiligt waren Russland, Belarus, Deutschland, die USA, Polen und Slowenien. Bundeskanzler Olaf Scholz nahm am Abend 13 von ihnen am Flughafen Köln/Bonn in Empfang, darunter fünf Deutsche. Wer sind die befreiten deutschen Staatsbürger und wie geht es ihnen heute?

Rico Krieger – In Belarus zum Tode verurteilt

Die Geschichte von Rico Krieger machte vor wenigen Wochen Schlagzeilen, obwohl der 30-Jährige bereits im November des vergangenen Jahres festgenommen worden war. Ihm wurde vorgeworfen, er solle für den ukrainischen Geheimdienst in der belarussischen Hauptstadt Minsk spioniert haben. Krieger gestand die Vorwürfe im belarussischen Fernsehen. „Ich bekenne mich schuldig, definitiv!“, sagte er dem Staatssender Belarus-1. Er gestand sogar, einen Rucksack auf den Gleisen eines Bahnhofs abgestellt zu haben, der Rucksack sei später explodiert, allerdings wurde niemand getötet oder verletzt.

Rico Krieger (2. v.l.) sitzt gemeinsam mit dem US-Journalisten Evan Gershkovich (r.) im Flugzeug Richtung Ankara.
Rico Krieger (2. v.l.) sitzt gemeinsam mit dem US-Journalisten Evan Gershkovich (r.) im Flugzeug Richtung Ankara. © IMAGO/SNA | IMAGO

Wie glaubwürdig das Geständnis ist, ist unklar. Möglicherweise war die öffentliche Inszenierung auch der Versuch Kriegers, der zuletzt als Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz in Salzgitter arbeitete, eine Begnadigung zu erwirken. Am 24. Juni war er zum Tode verurteilt worden, der belarussische Machthaber Alexandr Lukaschenko schien seine letzte Hoffnung. Tatsächlich begnadigte Lukaschenko Krieger am vergangenen Dienstag. Wie wir heute wissen, ein Vorbote für dessen Freilassung im Rahmen des Gefangenenaustauschs.

Kevin Lick – Der Vorwurf lautet: Landesverrat

Der 18-jährige Kevin Lick ist der jüngste Gefangene, der Teil des Austauschs war. Wie seine Mutter dem „Spiegel“ berichtete, wurde der Deutschrusse im Februar 2023 in Adler, einem Ort an der russischen Schwarzmeerküste, festgenommen. Wenige Stunden vor der geplanten Reise nach Deutschland hätten Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes FSB den damals 17-Jährigen umzingelt und mitgenommen.

Der Vorwurf: Landesverrat, er soll aus Unzufriedenheit mit dem Ukraine-Krieg Militärstützpunkte fotografiert und die Fotos an einen ausländischen Staat geschickt haben. Das Urteil fiel im Dezember 2023, es lautete vier Jahre Haft und ein weiteres Jahr, in dem er Region und Land nicht verlassen dürfe.

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2017 war Lick mit seiner Mutter zurück nach Russland gekommen, nach Maikop. Zuvor lebten die beiden zwölf Jahre lang in Montabaur in Rheinland-Pfalz. Am Tag der Festnahme wollten Lick und seine Mutter eigentlich nach Süddeutschland reisen. Es dauerte fast eineinhalb Jahre, bis der 18-Jährige wieder auf deutschem Boden war.

German Moyzhes – Der Jurist aus Köln sympathisierte mit Nawalny

Auch German Moyzhes zog zunächst freiwillig wieder nach Russland, wie die „Jüdische Allgemeine“ berichtet. Der deutsch-russische Jude wurde demnach Anfang Juni wegen Verdachts auf Landesverrat in St. Petersburg festgenommen. Dem Bericht der „Jüdischen Allgemeinen“ zufolge lebte Moyzhes seit 1995 in Deutschland, war im Kölner Gemeinderat aktiv und pflegte auch nach seinem Umzug nach St. Petersburg enge Kontakte in die deutsch-jüdische Gemeinde.

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Wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtete, arbeitete der Jurist in Köln als Geschäftsführer für eine Unternehmensberatung, die auch in St. Petersburg eine Niederlassung hat. Er soll auch Menschen in Staatsangehörigkeitsangelegenheiten beraten haben. Im Internet sympathisierte er wohl mit der russischen Opposition und kondolierte nach dem Tod von Alexej Nawalny. Abraham Lehrer, Vorstand der Kölner Synagogengemeinde, beschrieb Moyzhes gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ als „äußerst hilfsbereiter, liebenswürdiger Mensch“.

Patrick Schöbel – Im Gefängnis wegen sechs Cannabis-Gummibärchen

Patrick Schöbel ist wohl der Gefangene, der vor dem Austausch für am meisten Schlagzeilen sorgte. Zu kurios erscheint die Geschichte des 38-jährigen Hamburgers, der im Februar dieses Jahres am Flughafen von St. Petersburg festgenommen wurde. Auf der einen Seite ist da der Grund der Festnahme: Sechs Cannabis-Gummibärchen führte Schöbel mit sich, Gesamtgewicht rund 20 Gramm. Er soll sich davon einen ruhigen Schlaf während des Fluges versprochen haben. Doch die russischen Drogengesetze sind sehr streng, wie schon die US-Basketballerin Brittney Griner zu spüren bekam.

Patrick Schöbel bei einem Gerichtstermin in St. Petersburg Mitte Juli.
Patrick Schöbel bei einem Gerichtstermin in St. Petersburg Mitte Juli. © AFP | OLGA MALTSEVA

Auf der anderen Seite ist da der Grund für die Reise. Wie mehrere Medien übereinstimmend berichten, soll Schöbel nach Russland gereist sein, um eine Frau zu treffen, die er online kennengelernt hatte. Kurze Zeit später warnte das Auswärtige Amt explizit auf Instagram: „Vorsicht übrigens auch bei Tinder, Hinge, Bumble und Co: Hier können falsche Motive hinter neuen Kontakten stecken. Russland ist derzeit nicht das beste Reiseziel, für ein erstes Date mit dem Online-Flirt.“ Für Schöbel kam diese Warnung zu spät, auch er wurde zum Faustpfand Putins.

Dieter Woronin – Der angebliche BND-Spion

Der Deutschrusse Dieter Woronin, teilweise auch mit seinem russischen Vornamen Demuri benannt, war von den nun freigelassenen Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft am längsten in russischer Gewalt. Bereits im Februar 2021 wurde er während einer Geschäftsreise in Moskau verhaftet. Man warf ihm vor, spioniert zu haben und russische Staatsgeheimnisse an die Universität Zürich und den deutschen Geheimdienst BND weitergegeben zu haben. Sowohl Woronin selbst, als auch der BND bestreiten jegliche Zusammenarbeit.

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Stattdessen sei Woronin Politologe, der viel in Russland recherchiert habe, um Unternehmen hilfreiche Informationen zu bieten. Dafür habe er laut dem „Spiegel“ auch mit russischen Journalisten zusammengearbeitet, darunter Iwan Safronow, der ebenfalls vom FSB inhaftiert wurde, kurz vor Woronin. Der Russlanddeutsche wurde im März 2023 schließlich zu mehr als dreizehn Jahren Haft verurteilt. Dem „Spiegel“-Bericht zufolge ist Woronin SPD-Mitglied, am Donnerstag wurde er von seinem Parteifreund Olaf Scholz wieder in Deutschland begrüßt.

Per Flugzeug wurden die für den Gefangenenaustausch ausgewählten Deutschen zunächst nach Ankara gebracht. Dort wurde der Austausch vollzogen, danach ging es weiter zum Flughafen Köln/Bonn, wo Bundeskanzler Olaf Scholz sie in Empfang nahm. Fotos nach ihrer Rückkehr gibt es von den Ex-Häftlingen bislang nicht, nur eine Aufnhame von Schöbel und Krieger am Flughafen in Ankara. Beide scheinen zumindest äußerlich unversehrt.