Duisburg. Die drei Schornsteine des Duisburger Stadtwerketurms sind verrostet, mit Asbest belastet und außer Funktion. Daher sehen die Stadtwerke im Erhalt der weithin sichtbaren Landmarke keinen Sinn. Es gibt aber ein Problem: Der Stadtwerketurm steht unter Denkmalschutz.
Kommende Woche werden an fünf festgelegten Stellen des Stadtwerketurms Teile der Verblendungen an den drei Rauchgasröhren demontiert. Hinter diesen Verkleidungen soll zum Vorschein kommen, wie stark der Rost an Duisburgs bekanntester Landmarke in den vergangenen Jahrzehnten genagt hat und wie tragfähig die unzähligen Schraubverbindungen in dieser Stahlkonstruktion noch sind. Die Stadtwerke als Turm-Besitzer gehen nach bisherigem Kenntnisstand davon aus, dass die Röhren zurückgebaut werden müssen – und zwar unabhängig vom derzeit noch laufenden Denkmalschutzverfahren.
Ein Blick zurück: Im Frühjahr 2013 nahm die Untere Denkmalbehörde den Turm in ihre vorläufige Denkmalliste auf. Ob das in der Nacht angestrahlte und von vielen Bürgern deshalb heiß verehrte Bauwerk auch endgültig auf dieser Liste bleibt, entscheidet sich zeitnah. Die Stadtwerke haben bis Ende November Zeit, eine Stellungnahme bei den Denkmalschützern einzureichen.
Acht Millionen Euro würde Unterhaltung als Landmarke kosten
Diese wird auch ein Gutachten von Professor Constantin Verwiebe enthalten, der bundesweit einen exzellenten Ruf als Experte für Stahltürme wie diesen genießt. Die Grundausrichtung der Stadtwerke ist klar. „Wir möchten den Turm zurückbauen. Eine Unterhaltung als reine Landmarke würde uns nach ersten Schätzungen in den nächsten 15 Jahren etwa acht Millionen Euro kosten. Mindestens! Das ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht zu vertreten“, so Stadtwerke-Sprecher Thomas Nordiek bei einer gestrigen Turmbegehung.
Seit diesem Juli ist der zwischen 1964 und 1966 erbaute Turm komplett stillgelegt. Früher „spuckten“ die drei Röhren die Rauchgase der an der Bungertstraße angesiedelten Heizkraftwerke (HKW) I und II A/B in den Himmel. Der letzte der beiden HKW-II-Blöcke wurde 2012 nach über 40 Jahren in Betrieb abgeschaltet, da er immissionsrechtliche Vorgaben nicht mehr erfüllte. Weil aus dem verbliebenen HKW I viel zu wenig Rauchgas in das riesige Rohr-Trio des Turms strömte, wurden zwei neue kleinere Schornsteine in unmittelbarer Nähe zum Kraftwerk gebaut. Diese gingen im Juli 2014 in Betrieb. Seitdem ist der Stadtwerketurm quasi arbeitslos.
Mehrere Szenarien durchgespielt
Was könnte nun geschehen? Szenario 1: Die Denkmalbehörde sieht in dem Turm kein Baudenkmal, gibt ihn zum „Abriss“ frei. Dann würden im kommenden Jahr die Rückbauarbeiten beginnen. Diese Kosten dafür würden, so Nordiek „im mittleren bis hohen einstelligen Millionen-Bereich“ liegen. Die Turmbestandteile würden schichtweise abgetragen. Dauer: rund ein Jahr.
Auf dem Stadtwerketurm
Szenario 2: Der Turm wird zum Denkmal erklärt. Dann würde es komplizierter. Nach bisherigen Erkenntnissen der Stadtwerke sind die drei Rauchgasrohre derart verrostet und mit Schadstoffen wie Asbest, Schwermetallen oder künstlichen Mineralfasern belastet, dass eine Reparatur/Restaurierung unmöglich erscheint. „Wir müssten dann an insgesamt 57 Stellen die unzähligen Schraubverbindungen an den drei Rohren einzeln überprüfen. Das wäre sehr, sehr aufwendig, weil bei diesen Arbeiten zudem kein Asbest freigesetzt werden dürfte“, erklären Markus Rost und Martin Ebbinghaus, zwei Bauingenieure von der Firma Exponent, die von den Stadtwerken mit der Planung des Rückbaus beauftragt wurde.
Wenn die Stadtwerke die Rauchgasrohre entfernen dürften, würde nur noch die Stahlkonstruktion übrig bleiben, in die derzeit noch die drei Rauchgasrohre eingehängt sind (siehe Bildmontage rechts). Die Denkmalbehörde könnte aber auch darauf drängen, dass der Originalzustand erhalten bleibt. Dann müssten die Stadtwerke Kopien der Rohre erstellen lassen – ebenfalls ein Millionenaufwand.
Viele Bürger hängen an dem Turm
Viele der von den Stadtwerken vorgetragenen Argumente, ob wirtschaftlicher oder baulicher Art, sprechen für den Rückbau des Turms. Der Kopf sagt also: eine nachvollziehbare Entscheidung des Unternehmens. Doch das Herz und der Bauch sprechen ja auch noch ein Wörtchen mit. Und viele Duisburger fühlen sich emotional mit dem 200 Meter hohen Turm eng verbunden. Er ist für sie Erkennungszeichen und ein wichtiges, ja unverzichtbares Stück Heimat.
„Der Rückbau fiele uns sicher nicht leicht. Auch viele Mitglieder in der Belegschaft hängen an dem Turm“, gibt Sprecher Thomas Nordiek zu. „Wir beleuchten ihn seit dem Jahr 1999 immer nachts, haben ihn dadurch ja quasi erst zur Landmarke gemacht.“ Trotz aller Befindlichkeiten sei die Grundrichtung klar: „Wir möchten zurückbauen.“
Davon betroffen wäre auch ein Turmfalke, der sich in 140 Metern Höhe niedergelassen und dort auch schon Nachwuchs ausgebrütet hat. Sollte der Turm zurückgebaut werden, müsste der Turmfalke fachmännisch umgesiedelt werden. Das verlangen Tierschutz-Vorschriften.
Freifläche für eine neue Nutzung
Die Bauingenieure Markus Rost und Martin Ebbinghaus verdeutlichen beim Rundgang durch das gesamte Bauwerk, dass im Falle eines Turmerhalts auch im 65 Meter hohen Sockel (eine Stahlbeton-Konstruktion) umfängliche Sanierungsmaßnahmen durchgeführt werden müssten. Sollten Turm und das stillgelegte Heizkraftwerk II indes weichen, würden 7200 Quadratmeter Fläche für eine neue Nutzung frei, so Stadtwerke-Sprecher Nordiek.
Alle tragenden Verbindungen der Rauchgasrohre sind laut Nordiek seit den 60ern nicht mehr geprüft worden. Die nun anstehenden Stichproben an besagten fünf Stellen sollen Klarheit über die Bausubstanz geben. Künftig müsste die Materialprüfung wegen geänderter Vorschriften aber alle zwei bis vier Jahre erfolgen. Trotz des Rostes und aller bereits entdeckten Mängel: „Die Standsicherheit des Turms war immer und ist auch weiterhin gegeben“, stellte Nordiek klar.