Weidenau. Pastor Andriy Radyk von der ukrainischen Gemeinde berichtet in Siegen von Telefonaten mit Menschen im Kriegsgebiet. Deren Lage ist erschütternd.

An jedem vierten Samstag im Monat nutzt die katholische ukrainische Gemeinde Siegerland die St. Joseph-Kirche für ihren Gottesdienst. Diesmal aber sind die Vorzeichen deutlich anders als sonst. Seit Tagen schlagen Bomben und Raketen in der Heimat der Menschen oder ihrer Eltern ein, gibt es Sorge und Angst um die Angehörigen. Das Dekanat Siegen und die ukrainische Gemeinde haben gemeinsam zu einem Friedensgebet eingeladen, zu dem auch sehr viele Menschen kommen. Rund um das Gotteshaus in Weidenau ist es schwer, am Samstag einen Parkplatz zu finden.

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Mit dabei ist auch Superintendent Peter-Thomas Stuberg vom evangelischen Kirchenkreis Siegen, womit ein wichtiges Zeichen der Gemeinsamkeit gesetzt wird. Dagegen hat der gleichfalls angesprochene Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche abgesagt. „Aus kanonischen Gründen“ könne Vorsteher Kirill Kreps nicht teilnehmen, bedauert Dechant Karl-Hans Köhle. Dafür bekommt Pastor Andriy Radyk für die katholische ukrainische Gemeinde reichlich Gelegenheit, über die Befindlichkeit jener Menschen im Siegerland, in Bielefeld und in Münster zu sprechen, die zu seinem Einflussbereich gehören.

Pastor Andriy Radyk berichtet in Siegen von Angst und Verzweiflung in der Ukraine

Es gebe große Angst und Unsicherheit, berichtet der Seelsorger: „Wir erfahren das nicht aus dem Fernsehen, sondern am Telefon von den Angehörigen vor Ort, hören es an den Stimmen.“ Selbst in den vermeintlich sicheren Gebieten seien die Ukrainer ständig in den Luftschutzräumen. „Es gibt keine Sicherheit“, macht der Redner deutlich.

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Dechant Karl-Hans Köhle denkt laut über den Frieden nach, der weit mehr sei als „nur die bloße Abwesenheit von Krieg“. Frieden, das sei Wohlbefinden, sich sicher fühlen, das sei nicht selbstverständlich und müsse immer wieder von neuem gewonnen und gebaut werden. Er betet mit seinen Kollegen und allen Anwesenden für ein schnelles Ende des Krieges und dafür, dass die Beteiligten möglichst nichts tun, was die Kampfhandlungen in die Länge ziehen würde. Einbezogen sind auch die Menschen in Russland, von denen viele ja durchaus nicht mit den Taten Putins einverstanden seien. Köhle kündigt eine Kollekte für das Ende des Gottesdienstes an, die Andriy Radyk sicherlich an die richtigen Stellen in die Ukraine senden könne, als Zeichen der Verbundenheit der Siegerländer Christen für ihn und seine Gemeinde und die Menschen in jenem Land, das nun so schwer getroffen sei.

Siegen: Friedensgebet für die Ukraine vereint Christen über Konfessionen hinweg

Superintendent Peter-Thomas Stuberg gibt kein eigenes Statement ab, beschränkt sich auf reine Unterstützung beim Gottesdienst, setzt aber schon durch seine bloße Präsenz ein bedeutsames Signal. Gemeinsam entzünden die drei Geistlichen ein Friedenslicht vor einer Ikone, die Pastor Andriy Radyk mitgebracht hat. Das Bild zeige einen Jesus, der wie ein Hilfesuchender im Schoß seiner Mutter Beistand finde, erklärt der Mann aus der Ukraine die Hintergründe und die Verbindung zur Gegenwart.

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Solistin Lena Wagner hat die knappe Dreiviertelstunde immer wieder mit kleinen Einspielern auf der Violine begleitet. Unter anderem ist das irische Segenslied erklungen. Zum Schluss stimmt sie Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ an, in der vertrauten Fietz-Vertonung, und wie von selbst fallen die Menschen in der Kirche leise mit Gesang ein, ohne dass es eine Aufforderung dazu gegeben hätte. Es ist ein vielleicht erhoffter, dennoch überraschender und sehr spontaner Moment, der diesem Vormittag noch einen besonderen Punkt gibt.