Hagen. Warum ein Schaf zum Hauptdarsteller in einem berühmten Gemälde wird. Und was der Winter und der Schnee damit zu tun haben.
Der Winter ist nicht das Lieblingsthema von Malern. Die reduzierten Farben und das graue Licht stehen dem Wunsch entgegen, die ganze Herrlichkeit und Pracht der Welt auf die Leinwand zu bannen. Tatsächlich sind Schneelandschaften in der Kunstgeschichte selten und immer etwas Besonderes. Im Schnee spielen außergewöhnliche Bilder mit ungewöhnlichen Botschaften. So wie eines der emotionalsten Bilder überhaupt: „Anguish“ (Angst) von August Friedrich Schenck von 1878, das zu den beliebtesten Plakat- und Postkartenmotiven weltweit gehört.
Die Szenerie ist herzzerreißend. Eine Aue, so nennt man ein Mutterschaf, betrauert ihr totes Lamm. Der deutsche Maler August Friedrich Schenck (1828 - 1900) wird in Frankreich nicht nur Kunstprofessor, sondern zu einem der berühmtesten Tiermaler seiner Epoche. Er spezialisiert sich auf Schafe, und seine Schafsbilder werden international hoch gehandelt. Sein berühmtestes Bild „Angst“ befindet sich in der National Gallery of Victoria in Melbourne, die es bereits 1879 erwirbt.
Krähen im Schnee
Ein Schaf zum Hauptdarsteller eines Kunstwerkes zu machen, ist damals nicht so ungewöhnlich wie heute. Doch haben diese Schafsbilder in der Regel einen religiösen Hintergrund, das Motiv des Guten Hirten ist bis heute populär, auch gibt es viele Lamm-Gottes-Darstellungen. Schenck macht jedoch etwas Ungewöhnliches. Seine Aue wird zur Schmerzensmutter mitten in einer trostlosen Winterlandschaft. Das Tier schreit vor Trauer und Angst, sein heißer Atem bildet Wolken in der kalten Luft. Denn eine Schar von Krähen hat sich bereits versammelt und wartet darauf, dem toten Lämmchen die Augen und die Zunge auspicken zu können. Das Mutterschaf stellt sich beschützend über sein kleines Lamm, um es zu verteidigen.
Die emotionale Wirkung des Gemäldes ist überwältigend. Der Betrachter wird sofort in die Angst und Seelenqual der Mutter hineingezogen. Er leidet mit. Die National Gallery of Victoria setzt dieses Bild gerne bei der museumspädagogischen Arbeit mit Schulklassen ein. Die Schülerinnen und Schüler sollen dann notieren, welche Gefühle sie auf dem Bild erkennen können.
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Winterlandschaften gibt es in der Kunst erst seit dem 15. Jahrhundert. In den Stundenbüchern des Herzogs von Berry werden die Wintermonate erstmals mit ihren typischen Arbeiten als Miniaturen dargestellt. Die ersten großformatigen Winterbilder mit Schnee schafft in den 1560er Jahren dann Pieter Bruegel der Ältere (um 1525/1530 - 1569) mit insgesamt fünf bis heute sehr bekannten Gemälden, die in der Folge vielfach kopiert werden und einen kleinen Winter-Boom in der Malerei auslösen. Bruegel ist übrigens auch der erste, der eine Weihnachtsszene im Schnee komponiert, eine Anbetung der Könige von 1563, in der die Christgeburt in ein flämisches Dorf verlegt wird. Dieses Gemälde gilt zudem als das früheste, auf dem ein Künstler fallenden Schnee malt.
Man unterschätzt vielfach, wie sehr äußere Ereignisse neue Entwicklungen in der Kunst beeinflussen. Ohne die Erfindung der Tubenfarbe gäbe es zum Beispiel keine Freilichtmalerei. Der Winter des Jahres 1564/1565 gilt als der kälteste und längste seit über 100 Jahren. Er markiert den Beginn einer kleinen Eiszeit, einer 150 Jahre lang andauernden Kälteperiode mit schneereichen Wintern, die der überwiegend bäuerlichen Bevölkerung schwer zu schaffen machen. Diese Überfülle an Schnee weckt natürlich auch das Interesse der bildenden Künstler und ihrer Auftraggeber.
Vulkanausbruch mit Folgen
Auch die gefeierten Winterbilder in der Epoche der Romantik sind durch klimatische Ereignisse beeinflusst. Eine Reihe von Vulkanausbrüchen, beginnend 1809 und gipfelnd in der Eruption des indonesischen Tambora 1815, schleudern derart viel Staub in die Atmosphäre, dass sich selbst im fernen Europa über Jahre hinweg die Sonne verfinstert, die Winter lang und kalt werden, die Ernten ausfallen und Hungersnöte die Menschen zur Verzweiflung bringen.

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Aber die verschmutzte Atmosphäre verursacht gleichzeitig besondere Brechungen des Lichtes. Deshalb sind die Tambora-Jahre die Zeit der Gemälde mit überwältigenden Sonnenuntergängen und auch besonders diffusen und unheimlichen Lichtstimmungen im Winter. Caspar David Friedrich (1774 - 1840) ist der Meister des romantischen Winterbildes. Er malt unberührte Schneelandschaften, in die noch kein Mensch einen Fuß gesetzt hat, ernste und stille Gemälde, welche die Sehnsucht der Romantiker nach einer unberührten Natur spiegeln und die Einsamkeit als idealen Seelenzustand propagieren. Doch die Schneelandschaften von Caspar David Friedrich sind nicht nur feierlich. Ehrfurcht und Angst liegen hier eng beieinander, die Angst vor der Unerbittlichkeit einer Natur, in der ein kleiner Mensch kaum Überlebenschancen hat.
Die Angst in Verbindung mit dem Schnee greift auch der 50 Jahre jüngere August Schenck auf. In seiner Schneelandschaft gibt es nur einen einzigen Farbtupfer: ein zarter roter Blutsfaden, fast unsichtbar, der aus dem Mäulchen des toten Lammes auf den Schnee rinnt. Sonst ist das Bild eine meisterliche Studie in den Abstufungen von Weiß über Braun nach Schwarz, in den vielfältigsten, erstaunlichsten Graunuancen. Drohend hängt der Winterhimmel über der Szenerie. Gleich wird es wieder schneien.
Doch das Lämmchen liegt ganz weich auf den Schnee gebettet und sein kleines Lammgesicht ist friedlich entrückt und zeigt keine Spuren von Angst oder Schmerz. Wie ein Leichentuch will der Schnee das tote Tier einhüllen. Noch kann die Mutter die gierigen Krähen abwehren. Uns als Betrachtern ist allerdings klar, dass sie keine Chance hat.
Die religiösen Bezüge zum Christentum und den Darstellungen von Maria als Schmerzensmutter sind unübersehbar. Dass hier ein Tier zum Symbol für ein leidendes Geschöpf wird, hängt unter anderem damit zusammen, dass dem Schaf - als Lamm Gottes - jene Unschuld und Transzendenz zugesprochen wird, die dem modernen Menschen an der Wende zum 20. Jahrhundert abhandengekommen scheint.
Schenck kann sein großes Gemälde nur in eine Schneelandschaft setzen. Der Winter wird zum Symbol für Angst, Qual und Bedrohung. Das Werk ist möglicherweise durch die damals neuen Forschungserkenntnisse von Charles Darwin inspiriert, der als Erster beschreibt, dass auch Tiere Gefühle haben. „Anguish“ gilt als das traurigste Werk der gesamten Kunstgeschichte.