Essen. Die Finanzkrise im Euroraum begann schon 2010, doch in diesem Jahr spitzte sie sich dramatisch zu. Längst geht es nicht mehr nur um Griechenland, Portugal und Irland, sondern auch um den Erhalt der gemeinsamen Währung. Zahlreiche Regierungen stürzten über die Krise – die auch im kommenden Jahr andauern wird.

Finanzkrise – da stellt sich spontan die Frage: Wo anfangen? Schließlich nahm das Dilemma ja bereits 2008 mit der Lehman-Pleite seinen Lauf und hat sich spätestens im vergangenen Jahr zur Euro-Krise entwickelt. 2011 brachte fast im Tagestakt neue Nachrichten. Meistens waren es schlechte. Für normale Menschen war es kaum möglich, den Durchblick zu behalten, zumal sie eine Fülle von neuen Begriffen und Abkürzungen kennenlernten. ESM, EFSF, Schuldenschnitt, Eurobonds. Finanzkrise – da stellt sich auch die Frage: Wo aufhören? Schon jetzt steht fest, dass auch 2012 gerettet und gehebelt wird. Da kann eine Chronik 2011 nur einen kleinen Auszug aus dem laufenden Wahnsinn sein. Ein Blick auf die Hauptakteure.

Griechenland – das Auge des Euro-Orkans

Griechenland ist quasi das Auge des Euro-Orkans. Schon 2010 musste das Land vor dem finanziellen Kollaps gerettet werden – ohne durchgreifenden Erfolg, wie sich 2011 herausstellen sollte. Im April steigt die Arbeitslosigkeit auf einen neuen Höchststand, Ministerpräsident Papandreou kündigt weitere Sparmaßnahmen an. Und es offenbart sich, dass das Loch im Haushalt klaffender ist als bislang angenommen. Griechenland liefert im Verlauf des Jahres Déjà-vu-Erlebnisse: Streik folgt auf Streik, die Ratingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit nach und nach auf Ramschniveau herab. Und immer wieder beraten die Eurostaaten (mal die Regierungs-Chefs, mal die Finanzminister) über Rettungsmaßnahmen. Diskussionen um einen Austritt aus der Eurozone und einen Schuldenschnitt beginnen.

Ende Juni beschließt das griechische Parlament ein Sparprogramm in Höhe von 78 Milliarden Euro, um Geld von der EU und vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zu bekommen. Bei einem Sondergipfel im Juli wird ein Hilfspaket im Umfang von 109 Milliarden Euro für Griechenland beschlossen. Auch Banken sollen sich an der Finanzierung beteiligen. Doch nur wenige Wochen später kommen Prüfer von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und IFW zu dem Ergebnis, dass die griechischen Sparbemühungen zu langsam vorankommen – und offenbaren im Oktober, dass Griechenland noch viel mehr Geld als angenommen braucht, um nicht in die Staatspleite zu schlittern: 444 Milliarden Euro.

Deshalb einigen sich die Euroländer bei einem Sondergipfel am 27. Oktober auf einen Schuldenschnitt für Griechenland, aber auch auf Sparauflagen. Es folgt ein mehrtägiges Chaos. Ministerpräsident Papandreou kündigt am 31. Oktober eine Volksabstimmung zu den Beschlüssen an – um am 3. November den Verzicht zu erklären. Wenige Tage später tritt er zurück.

Der ganzjährige Gipfel-Marathon

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel. Diese Fußball-Weisheit trifft auf die Rettungsversuche für die Eurozone zu. Ein Blick zurück zeigt die Dramatik der Entwicklung, denn: Im Januar konnten sich die EU-Finanzminister nicht auf eine Ausweitung des Euro-Rettungsschirms einigen. Doch beim EU-Gipfel im Februar diskutieren die Regierungs-Chef einen „Pakt für Wettbewerbsfähigkeit“. Und nur einen Monat später entsteht ein 700 Milliarden Euro schwerer Rettungsfonds für Euro-Staaten in Not.

Die Gipfel reduzieren sich immer weiter zu reinen Euro-Krisentreffen. Mal geht es um die Beteiligung der Banken am Rettungspaket, mal um die Freigabe von Krediten für Griechenland, dann um die Stärkung des Rettungsschirms. Bei einem Sondergipfel im Juli beschließen die Regierungs-Chefs ein ganzes Maßnahmenbündel zur Euro-Stabilisierung. Im August treffen sich dann nur Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Angela Merkel zu einem Zweier-Krisen-Gipfel. Sie fordern eine gemeinsame Euro-Wirtschaftsregierung.

Höhepunkt der Gipfelei: der Oktober. Weil so viele ungeklärte Fragen im Raum stehen, verschiebt die EU sogar ihr Gipfeltreffen. Doch die Bundesregierung erklärt schon mal vorauseilend, dass es keinen Befreiungsschlag in der Eurokrise geben werde. Mehr noch: Es findet ein Gipfel in zwei Teilen statt. Erst im zweiten Anlauf steht die Einigung für einen griechischen Schuldenschnitt und eine höhere Schlagkraft für den Rettungsschirm. Doch die Diskussionen um weitere Rettungsmaßnahmen – etwa Eurobonds – zeigen: Gipfelfortsetzung folgt...

Deutschland und die Krise

Krise? Welche Krise? Während diverse Euroländer gegen ihre Schulden kämpfen – neben Griechenland auch Irland, Portugal, Spanien und Italien –, brummt die deutsche Wirtschaft, sinkt die offizielle Zahl der Arbeitslosen auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Auch deshalb ist es kein Wunder, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel, gemeinsam mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Takt und Ton bei den Rettungsmaßnahmen für die gemeinsame Währung vorgibt. Merkel sagt beim Weltwirtschaftsforum in Davos: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“

Außerdem: Deutschland als größte Volkswirtschaft im Euroraum trägt auch den größten Anteil an der Finanzierung. Das Risiko für den deutschen Steuerzahler ist hoch. Beispiel Euro-Rettungsfonds, Version Frühjahr 2011: Der soll eine Kapitalbasis von 700 Milliarden haben. 80 Milliarden kommen direkt in den Topf, den Rest sichern die Eurostaaten über Bürgschaften. Von den 80 Milliarden Euro trägt Deutschland 20 Milliarden. Doch nach Kalkulation des Instituts für Wirtschaftsforschung steigt das Risiko für Deutschland im Extremfall auf 465 Milliarden Euro.

So ist es keine Überraschung, dass sich trotz der Zustimmung des Bundestags zu den Griechenlandhilfen Widerstand regt. Allerdings weist das Bundesverfassungsgericht die Klage gegen die Milliardenhilfen und den Rettungsschirm ab. Geklagt hatte unter anderem Peter Gauweiler (CSU). Im August knirscht es gewaltig in der CDU. Die Kanzlermehrheit für den neuen Rettungsschirm wackelt. Der Konflikt wird deutlich an der Weigerung von Wolfgang Bosbach, dem neuen Euro-Rettungsschirm zuzustimmen. Doch Merkel bekommt bei der entscheidenden Abstimmung „ihre“ Mehrheit. Im November erreichen die Ausläufer der Eurokrise doch Deutschland. Bei der Ausgabe von Staatsanleihen bleiben mehr als ein Drittel liegen.

Das Dominospiel der Regierungen

Die Eurokrise erinnert in einer Hinsicht an ein Dominospiel: Über die Schulden stürzten diverse Regierungen. In Irland wird bei den Parlamentswahlen im Februar die Regierung aus dem Amt gejagt. Im März trifft es den portugiesischen Regierungschef Socrates. Der tritt zurück, nachdem das Parlament seinen Sparplan für das hoch verschuldete Land abgelehnt hat. Wenige Wochen später schlüpft Portugal unter den Rettungsschirm... In der Slowakei stürzt die Regierung aus einem ganz anderen Grund als Schulden. Die Opposition knüpft ihre Zustimmung zum Rettungsfonds an die Bedingung, dass Neuwahlen stattfinden.

Im November folgen: Griechenlands Regierungschef Papandreou, der nach seinem missglückten Volksabstimmungsversuch zurücktritt, sowie Silvio Berlusconi. Dem schillernden italienischen Ministerpräsidenten fehlt die Glaubwürdigkeit, um dringend nötige Wirtschaftsreformen umzusetzen. Bei den Wahlen in Spanien verlieren die Sozialisten ihre Macht – auch wegen hoher Schulden und hoher Arbeitslosigkeit.

Die Macht der Ratingagenturen

Lange Jahre waren diese Namen so gut wie unbekannt: Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch. Doch seit dem Ausbruch der Eurokrise scheint es, als ob die drei größten Ratingagenturen der Welt die wahren Machthaber im Wirtschaftskreislauf sind. Senken sie den Daumen bei der Kreditwürdigkeit eines Landes, drohen riesige Probleme, weil es für Staaten teurer wird, sich bei Banken Geld zu leihen. Und die großen Drei senkten in diesem Jahr andauernd ihre Daumen: Irland, Portugal, Griechenland sowieso, aber auch Zypern, Neuseeland und sogar die USA.

Für die Euro-Rettungsbemühungen sind diese Herabstufungen kontraproduktiv, deshalb regt sich im Juli Kritik an der Praxis der Ratingagenturen. Angela Merkel stellt deren Urteil in Frage. Man solle auf die eigene Urteilsfähigkeit vertrauen. Die Idee macht die Runde, eine europäische Ratingagentur zu gründen. Denn es gibt eine böse Vermutung: dass die schlechten Bewertungen für europäische Staaten durch die US-amerikanischen Ratingagenturen von der miserablen finanziellen Lage in den USA ablenken sollen.

Allerdings machen sich die Ratingagenturen tatsächlich angreifbar: Standard & Poor’s verschickt im November eine Nachricht, in der die Herabstufung Frankreichs mitgeteilt wird – ein Versehen, doch die internationalen Finanzmärkte gehen sofort auf Talfahrt. Der Ausblick auf 2012: Im neuen Jahr werden die Agenturen weiter ihre Daumen senken.

Die Proportionen der Zahlen

Die Schuldenkrise in Europa hat den Sinn für Proportionen völlig durcheinander gebracht. Es geht um Summen, die sich normale Menschen kaum vorstellen können. Da helfen Vergleiche: Für den Rettungsfonds für klamme Euro-Staaten bürgt Deutschland mit 211 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Um deutsche Banken vor den Folgen der Weltfinanzkrise zu schützen, gewährte Deutschland seit Herbst 2008 mehr als doppelt so hohe Hilfen in Form von Bürgschaften und Kapitalspritzen: 480 Milliarden Euro. Deutsche Banken nahmen davon fast 200 Milliarden Euro in Anspruch.

Zahlen, Zahlen, Zahlen: Jede Entscheidung der Politik in der Finanzkrise löste unmittelbare Reaktionen an den Börsen aus. Foto: afp
Zahlen, Zahlen, Zahlen: Jede Entscheidung der Politik in der Finanzkrise löste unmittelbare Reaktionen an den Börsen aus. Foto: afp © AFP

Die griechische Wirtschaftsleistung sank voriges Jahr um 3,5 Prozent auf 227 Milliarden Euro. Das ist nicht mal ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von Deutschland. Griechenland hat etwa 350 Milliarden Euro Schulden. Experten schätzen derweil, dass die Griechen im Ausland 560 Milliarden Euro angelegt haben.

Den Griechen wird viel zugemutet. Der Staat spart kräftig. Das Düsseldorfer Wirtschaftsinstitut IMK hat die geplanten Kürzungen auf Deutschland übertragen: Beschäftigte im öffentlichen Dienst, die im Schnitt 3250 Euro im Monat verdienen, bekämen monatlich 490 Euro weniger. Im öffentlichen Dienst fielen 460 000 Stellen weg. Rentner bekämen im Schnitt jährlich 1000 Euro weniger Rente. Der Beitrag der Gesetzlichen Krankenkassen stiege um 530 Euro im Jahr. Arbeitslosengeld-Empfänger müssten jährlich auf 900 Euro verzichten. Die Mehrwertsteuer würde von 19 auf 22 Prozent steigen. Die Steuern auf Benzin, Zigaretten und Alkohol wüchsen um 33 Prozent.

Alle Texte und Bilder zum Jahresrückblick finden Sie in unserem Spezial.