Aus den Niederlanden. Gleich hinter der niederländischen Grenze lockt viel wilde Natur. Mittendrin versteckt: der Millinger Theetuin, ein Garten mit berühmtem Vorbild.

Mit High Heels unterwegs im Naturschutzgebiet Millingerwaard – keine gute Idee. „Wie weit ist es noch bis zum Theetuin?“, will die Frau wissen. Antwort: Gut zwei Kilometer lang ist der sandige Weg. Die Strecke verläuft vom Örtchen Kekerdom zu dem exotischen Teegarten am Waal, wie der größte Mündungsarm des Rheins in den Niederlanden heißt.

Unterwegs im niederländisch-deutschen Grenzgebiet: Keine Straße führt zu dem Gartenparadies Millinger Theetuin, die Besucher kommen als Wanderende oder Radtouristen. Die Frau mit High Heels löst die Sache ganz pragmatisch: Sie zieht ihre Stöckelschuhe aus und stapft kurzerhand barfuß weiter.

„Die Millingerwaard ist ein Diamant innerhalb der Gelderse Poort“, sagt Förster Daan Meeuwissen. Gelderse Poort wird die Flusslandschaft zwischen Kleve und Emmerich sowie Nimwegen und Arnheim zu beiden Seiten von Rhein und Waal genannt, erläutert er.

Millingerwaard: Ein Naturparadies nahe NRW-Grenze entsteht

Noch vor 35 Jahren trieben Bauern hier Milchkühe auf sattgrüne Wiesen, Maisfelder breiteten sich auf fruchtbarem Boden aus. Eine Ziegelfabrik am Waalufer ließ Kleyboden als Rohstoff für die Backsteine abbaggern. Die Kuhlen füllten sich bald mit Wasser und waren die Grundlage für das heute rund sieben Quadratkilometer umfassende Naturparadies.

In den 1990er Jahren begann die schrittweise Umwandlung der landwirtschaftlich und industriell genutzten Flusslandschaft zum Landschaftsschutzgebiet: Schwimmbagger erweiterten durch Auskiesung die Wasserkuhlen zu einer zusammenhängenden Seelandschaft.

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Ihre Arbeit endet in diesen Monaten, die Schwimmbagger werden demontiert. Alte Wanderwege in dem Gebiet wurden umgelegt, neue Zugänge zum Teegarten geschaffen. Schaut man heute auf die Landkarte, breitet sich das Wasserland wie fünf Finger einer Hand aus. „In der Waard erleben wir die verschiedenen Landschaftsformen“, sagt Meeuwissen.

Die Vielfalt reicht vom Weideland am haushohen Kekerdomer Schutzdeich über geheimnisvolle Sümpfe, Auwälder mit knorrigen Weiden und Schwarzpappeln bis zu sandigen Ufern. Über mehrere hundert Meter erstreckt sich die Sanddüne am Waalufer. Es ist damit die größte Flussdüne in den Niederlanden.

„Hier is de rivier de baas“, sagen sie auf Niederländisch. Der Fluss ist hier also der Chef. Das heißt: Er gestaltet das Naturschutzgebiet Millingerwaard. Und zwar ständig, Tag für Tag mit seinem wechselnden Wasserstand. Frühjahrshochwasser etwa breiten sich in den Auen aus, Pappeln und Weiden bekommen nasse Füße. „Nach jeder Flut ist die Millingerwaard wie neu“, sagt Meeuwissen.

Gelderland: Pferde, Rinder und viel Natur entdecken

Silber- und Graureiher lauern im sumpfigen Grund auf Beute, Löffler und Störche ebenso. Zudem fallen jedes Jahr mehr als 150 000 Bläss-, Grau- und Saatgänse aus der Arktis zum Überwintern ein.

Fauna und Flora bleiben in dem Gebiet fast, aber nicht komplett sich selbst überlassen: Jeweils rund 150 halbwilde Konik-Pferde und schottische Galloway-Rinder streifen frei durch die Millingerwaard und die benachbarte Erlecomse Waard bei Ooij.

Die Tiere sorgen dafür, dass sich die Pflanzenwelt - etwa mit Wiesensalbei, wilden Brachdisteln und Orchideen - entwickeln kann und das Land nicht vollständig zuwuchert. Laut „Boswachter“ Meeuwissen wurden auch Bieber und Otter im Naturreservat angesiedelt.

Die Konik-Pferde und ihre Rückzugsräume

Bis zu einer halben Million Wanderer und Radtouristen kommen jedes Jahr ins Gebiet, schätzt die niederländische Naturschutzorganisation Ark. Probleme gibt es trotz der beachtlichen Zahlen nicht, versichert Meeuwissen: „Naturliebhaber aus allen Ecken der Niederlande und aus Deutschland besuchen die Millingerwaard, sie respektieren die Pflanzen und die Tiere.“

Die Konik-Pferde und die Galloways gehen ihre eigenen Pfade, sie haben Rückzugsräume im undurchdringlichen Strauchgestrüpp. Nur hin und wieder versperren sie die Wege. Wanderer und Radfahrer sollten dann Ruhe bewahren und abwarten, bis die Tiere weitergezogen ist.

Bunter Garten: Für eine Pause in den Millinger Theetuin

Das Ziel der Wanderung ist der Millinger Theetuin. Ein Tee- und Kaffeegarten mit den Ausmaßen eines Fußballfeldes. „Wer zum ersten Mal aus der Wildnis der Waard die Treppe zum Garten heraufsteigt, der kommt ins Staunen“, sagt Henk Schumakers. Der Mann aus Kekerdom war früher Mathematiklehrer. Seit 2009 pflegt er als Hobbygärtner die üppige Blumen- und Pflanzenwelt des Teegartens.

80 verschiedene Rosenarten, dazu Bambus, Funkien, Phlox und Gräser wachsen im Garten, in dem orientalischer Stil auf fernöstliches und europäisches Gartendesign trifft. Sitzgruppen sind hier auf mehreren Ebenen verteilt, Wasser murmelt in kleinen Springbrunnen, Goldfische schwimmen in einem Bassin umher.

Rob Frowijn ist der Gastgeber im Teegarten. „Hier zu leben und zu arbeiten ist für mich wie ein Traum“, sagt er. Inspiriert ist der „theetuin“vom berühmten Jardin Majorelle, den berühmten Garten des verstorbenen französischen Modedesigners Yves Saint Laurent in Marrakesch.

So schimmern die Fliesen im Millinger Garten im typischen Majorelle-Kobaltblau, intensiv blau leuchten zahlreiche Glockenblumen. Die wilde Natur der Millingerwaard wirkt wie ein Schutzschild für diese Oase der Ruhe. (dpa)