Hamburg. 2009 ging der Torhüter zum HSV, hat seitdem aber nur ein Bundesligaspiel absolviert. Gegen Augsburg soll Nummer zwei folgen.
Das Leben im Scheinwerferlicht hat auch seine Schattenseiten. Insbesondere dann, wenn es bei fünf Grad und apokalyptischen Hagelschauern nicht einmal ein wärmendes Scheinwerferlicht gibt. Doch Tom Mickel, Hamburgs neue Interims-Nummer-eins, ist zu höflich, um nach dem Vormittagstraining am Dienstag in den warmen Kabinentrakt zu eilen. Also schreibt der eigentliche Ersatz-Ersatz-Torhüter noch Autogramme und diktiert den frierenden Reportern ein paar Sätze in die Blöcke: Ja, er sei bereit, aber die Woche bis zum Augsburg-Spiel sei ja lang. Und ja, er spüre das Vertrauen der Trainer. „Aber ich brauche ja nicht die große Welle machen.“
Die große Welle war Mickels Sache nie. Dabei hat der 28-Jährige mit dem Kinderüberraschungsgesicht eigentlich ziemlich viel zu erzählen. Bereits 2009 unterzeichnete Mickel seinen ersten HSV-Profivertrag. Nur gefragt hat den Mann, der am Sonntag für die verletzten René Adler und Christian Mathenia in Augsburg im HSV-Tor stehen soll, eben in all den Jahren kaum jemand.
Kein gewöhnlicher Fußballer
Szenenwechsel. Mickel hat geduscht und sitzt frisch frisiert in einer Umkleide in den Katakomben des Volksparkstadions. Er habe ein knappes halbes Stündchen Zeit, müsse dann aber los, um Elia, seinen fünfjährigen Sohn, vom Kindergarten abzuholen. Doch die Kita sei nur einen Katzensprung vom Stadion entfernt. „Das passt perfekt, weil unsere Wohnung in Eidelstedt ist.“ Eidelstedt? Klar! Das Viertel sei günstig und schön, antwortet Mickel. „Die Mieten in Hamburg sind schon sehr krass.“
Tom Mickel ist kein gewöhnlicher Fußballer. Wenn er auf einer Party gefragt wird, was er beruflich macht, antwortet der zurückhaltende Sachse aus Hoyerswerda, dass er Angestellter sei. „Mir ist das unangenehm, über meine Fußballkarriere zu sprechen“, sagt der Nebenbei-Student, der im Fernstudium BWL studiert. „Man genießt die Profijahre bis ungefähr 25, dann fragt man sich schon, was man nach der Karriere machen soll“, sagt Mickel, der nicht über sein Gehalt spricht, aber zu bedenken gibt, dass nicht jeder Kicker Einkommensmillionär sei: „Nicht jeder Fußballprofi hat für sein Leben ausgesorgt und kann wie Philipp Lahm nach dem Ende der Karriere Privatier werden.“
Matz ab nach Blamage gegen Darmstadt 98:
Seit zehn Jahren ist Mickel nun schon im Profizirkus dabei, mittendrin war er nur selten. „Manchmal entscheiden Kleinigkeiten über den Verlauf einer Karriere“, sagt das einstige Cottbus-Talent. „Manchmal muss man nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Und manchmal ist man an diesem Ort, ist aber verletzt.“
2008 war Mickel am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt. U-19-EM in Tschechien. Deutschland holte mit den Benders, Toprak und Choupo-Moting den Titel – auch Mickel war dabei. Doch schon damals als Zieler-Ersatz nur dabei, nicht mittendrin.
Sei’s drum. Scouts und Manager der Bundesligaclubs wurden vom einen auf den anderen Moment auf den mit 1,86 Metern eigentlich zu kleinen Torhüter aufmerksam. Den Zuschlag bekam der damalige HSV-Nachwuchschef Jens Todt.
„Fußball ist immer ein Kreislauf“
„Fußball ist immer ein Kreislauf“, sagt Mickel. „Didi Beiersdorfer und Jens Todt haben mich seinerzeit zum HSV geholt. Der eine ist jetzt wieder weg, der andere wieder da. Man trifft sich immer zweimal im Leben.“
Das gilt auch für Mickel und den HSV. Denn nachdem das Toptalent immer nur dritter Torhüter blieb, entschied sich Mickel 2013 zum Wechsel nach Fürth. „Als Jugendspieler denkt man immer: Bundesliga, da können wir auch einfach so mitspielen. Aber man weiß gar nicht wirklich, wie hoch das Niveau tatsächlich ist“, sagt Mickel, für den es aber auch in der Zweiten Liga in Fürth nicht wie gewünscht lief. 2014 musste er in der Relegation (als Ersatzmann) sogar gegen seinen HSV antreten. „Für mich war das schrecklich, weil ich ja wusste, was beim HSV auf dem Spiel stand“, sagt Mickel. „Ich habe den HSV in der Kabine immer verteidigt und einige komische Blicke bekommen.“
HSV gegen Darmstadt:
HSV gegen Darmstadt – die Bilder der Blamage
Ein Jahr später war der HSV wieder knapp am Abstieg vorbeigeschrammt – und Tom Mickel zog es zurück in die Wahlheimat. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich nach Fürth noch einmal zurückkomme“, sagt Mickel heute. Doch als erneut Beiersdorfers Anruf kam, konnte er nicht widerstehen. „Man lernt den HSV einfach zu lieben“, sagt er und erklärt: „Das habe ich schon häufiger von früheren Kollegen gehört oder gelesen: Mathijsen hat das gesagt, Eljero Elia, Tomas Rincon. Alle haben immer gesagt, dass der HSV etwas Besonderes sei.“
Mickels Vertrag läuft zum Saisonende aus
Für Mickel war und ist der HSV sogar so besonders, dass er für eine Rückkehr als Regionalliga-Nummer eins bei der U 21 seinen Traum von einer Bundesligakarriere aufgeben wollte. „Die Bundesliga war für mich schon abgehakt“, sagt Mickel. „Natürlich hatte auch ich immer die Hoffnung, dass es als Stammtorhüter für ganz oben reicht. Aber ich bin trotzdem glücklich darüber, wie alles gelaufen ist. Das Glas ist halb voll, nicht halb leer.“
2016 war das Glas nahezu randvoll, als Mickel am letzten Spieltag der vergangenen Saison sein Bundesligadebüt feiern durfte. Mit 27 Jahren. Der Gegner damals wie heute: FC Augsburg. Sein Trikot von seinem ersten und bis zu diesem Wochenende einzigen Bundesligaspiel (Endstand 1:3) hängt gerahmt im Keller neben dem Trikot vom U-19-EM-Titel. „Das sind Momente, die ich nicht vergessen will.“
Immer wieder Augsburg
Immer wieder Augsburg. Bereits 2012 hätte Mickel eigentlich ein Bundesligaspiel gegen die Schwaben machen sollen, was eine Handverletzung verhinderte. 2015 stand Mickel dann erstmals im HSV-Tor gegen Augsburg und darf sogar behaupten, dabei den letzten HSV-Titel gewonnen zu haben – den Telekom-Cup.
Und jetzt wieder – Augsburg. „Tom ist so ein guter Typ, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen“, lobt Trainer Markus Gisdol. „So eine Nummer drei hat nicht jeder.“
Nach dem Spiel dürfte der Scheinwerfer dann wieder auf andere gerichtet werden. Mathenia soll zurückkehren, auch Adler arbeitet an seinem Comeback. Und Mickel? „Ich hätte schon Lust, beim HSV weiterzumachen“, sagt der Keeper, dessen Vertrag im Sommer ausläuft. „Ich weiß schon, was ich an dem HSV habe. Und mit 28 Jahren träume ich jetzt auch nicht mehr von der großen Karriere als Stammtorhüter in der Bundesliga oder der Zweiten Liga.“
Ein Spiel im Jahr in Augsburg – so viel Scheinwerferlicht reicht fürs Erste.