Hamburg. Die Causa vor dem Spiel gegen Leipzig gehört zu zwei Ereignissen, die Labbadia sein vorzeitiges Ende beim HSV erahnen ließen.
Um 13.02 Uhr ging die Flügeltür im ersten Stock des Volksparkstadions auf. 15 TV-Kameras schwenkten nach links, Fotoapparate klickten, Smartphones wurden in die Höhe gehalten. Vorsichtig lächelnd betrat Bruno Labbadia die Bühne. „So viele Kameras habe ich hier lange nicht mehr gesehen“, witzelte der HSV-Trainer, der trotz der für ihn ernsten Lage durchaus zum Scherzen aufgelegt war. „Ihr seid ja wahrscheinlich nicht gekommen, um zu erfahren, wie der Gesundheitszustand von Filip Kostic ist.“
Nein, viel mehr interessierte der Gemütszustand Labbadias. Seit Tagen wurde in Hamburg über kaum etwas anderes gesprochen als über das drohende Ende Labbadias beim HSV. „Ich bin komplett bei mir selbst“, sagte also der 50-Jährige, der zwei Tage vor seinem wahrscheinlich letzten Spiel als HSV-Trainer gegen Bayern München (Sa., 15.30 Uhr/Sky) einen erstaunlich aufgeräumten Eindruck auf dem Podium machte. „Bayern hat keine schlechte Mannschaft. Trotzdem freue ich mich auf das Spiel“, sagte der Fußballlehrer. „Ich versuche, auf Dinge einzuwirken, auf die ich Einfluss habe.“
Beiersdorfer spricht zeitgleich mit Kühne
Dass Labbadia nach vier Saisonspielen ohne Sieg und der vernichtenden Kritik des Vorstandsvorsitzenden Dietmar Beiersdorfer, der zeitgleich zur Pressekonferenz in der Firmenzentrale von Kühne und Nagel mit HSV-Investor Klaus-Michael Kühne die Lage erörterte, überhaupt noch an diesem Sonnabend Einfluss haben wird, kam für viele überraschend. Doch in diesem Fall gilt wohl das alte Sprichwort: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. So soll die seit Tagen sich abzeichnende Beurlaubung Labbadias erst nach der anzunehmenden Bayernklatsche verkündet werden. Ob er denn denke, dass er überhaupt noch eine Chance habe, wollte ein Medienvertreter wissen. „Das darf kein Thema für mich sein. Ich habe keine Zeit, mich mit so etwas zu beschäftigen.“
Auch in der größten Krise seiner zweiten HSV-Amtszeit blieb sich Labbadia treu. Keine Ausreden und keine Sündenböcke. Ob er sich nicht allein gelassen fühle? „Ich urteile nicht über andere Dinge“, antwortete der Wahl-Hamburger. „Das Wichtigste ist und bleibt der Verein.“
Labbadia ärgerte sich über zwei Ereignisse
Öffentlich lässt sich Labbadia nicht aus der Reserve locken. Abseits der Kameras hat der Trainer schon vor Wochen Vertrauten gegenüber sein Leid geklagt. Nach Abendblatt-Informationen hat es gleich zwei Ereignisse gegeben, die Labbadia maßlos geärgert haben und nach denen er wusste, dass seine Zeit in Hamburg abläuft. Ereignis Nummer eins: Gemeinsam mit Beiersdorfer sollte Labbadia nach Köln zur Agentur Sportstotal des Kühne-Vertrauten Volker Struth reisen. Labbadia, der der Millionenallianz des HSV mit Berater Struth und Kühne kritisch gegenüber steht, lehnte ab, Beiersdorfer fuhr allein.
Ereignis Nummer zwei: Montag vor einer Woche bat der Aufsichtsrat ihn und Beiersdorfer zum „Kaminzimmergespräch“. Es war der Montag nach der unglücklichen 1:3-Niederlage in Leverkusen, wo der HSV 75 Minuten lang gut mitgespielt hatte. Doch statt in „angenehmer Atmosphäre“ über die weiteren Saisonplanungen Auskunft zu geben, soll Labbadia wie bei einem Rapport verhört worden sein. Besonders sein Umgang mit Alen Halilovic wurde kritisch thematisiert.
Labbadia wusste: Das Verhör beim Aufsichtsrat war der Anfang vom Ende. So soll der Coach sogar überlegt haben, den aus seiner Sicht im Training schwachen Halilovic vor dem Spiel gegen Leipzig aus dem Kader zu streichen. Doch durch die Brisanz der Personalie wäre ein konsequentes Handeln einer Kriegserklärung gleichgekommen. Statt Halilovic musste Pierre-Michel Lasogga auf die Tribüne.
Bilder vom Spiel in Freiburg:
Labbadia verliert sein Schicksalsspiel in Freiburg
Hoffenheims Nagelsmann dementiert Gerüchte
„Ich glaube, dass unser größtes Plus in den vergangenen 17 Monaten, in denen ich hier war, immer unsere Geschlossenheit war“, sagte Labbadia am Donnerstag. Ein Satz in der Vergangenheit. In der Gegenwart muss der Noch-Trainer damit klar kommen, dass bereits öffentlich über seinen Nachfolger spekuliert wird.
So hatte die „Mopo“ Hoffenheims Julian Nagelsmann in ihrer Donnerstagsausgaben ins Gespräch gebracht, was dieser vehement dementierte: „Die Spekulationen sind absurd, ich kann nur den Kopf schütteln.“ Und Labbadia? „Man muss sein Gefühlsleben ausschalten. Aber das ist kein Problem. Meine Person darf nur kein Thema für die Mannschaft sein.“
Labbadia erwähnt noch einmal Knäbel
Zum Thema wurde Labbadia dagegen beim Gipfeltreffen zwischen Kühne und Beiersdorfer am Mittag in der HafenCity. „Ich wünsche Herrn Kühne, dass er Hamburg genießen kann“, sagte Labbadia nonchalant – und beließ es dabei. Was sich denn in den wenigen Monaten geändert habe, fragte noch einer. „Nicht viel“, antwortete Labbadia, und fügte vielsagend hinzu: „Als ich kam, war klar: Es kann nur einer richten. Daran hat sich nichts verändert. Der Unterschied ist vielleicht, dass ich Peter Knäbel an meiner Seite hatte.“ Nach 17:20 Minuten war die Frage-und-Antwort-Runde vorbei.
Nur eine Frage, die gar nicht gestellt wurde, blieb offen: Was passiert eigentlich, wenn Labbadia und der HSV tatsächlich ein Wunder schaffen und gegen die Bayern punkten? „Es gibt eine Chance gegen die Bayern“, sagte Labbadia. „Und die wollen wir nutzen.“