Schilder einer Dreißigerzone in Wilstedt wurden abgebaut. Der Landkreis sieht keine besonderen Gefahren für die Harksheider Straße.
Tangstedt. "Muss hier erst jemand angefahren werden, ehe etwas für die Sicherheit
getan wird?" Das fragen Jürgen Siggelkow und andere Anwohner der
Harksheider Straße und des Dorfrings in Tangstedt, nachdem die
Tempo-30-Schilder an den beiden Kreisstraßen abgebaut wurden. Vor Jahren
hatten die Anlieger dafür gekämpft, dass die Schilder die Autofahrer im
Ortsteil Wilstedt dazu bewegen, den Fuß vom Gas zu nehmen.
Nun gab es eine Verkehrsschau in der Gemeinde mit Vertretern der
örtlichen Polizei, der Polizeidirektion Segeberg, des Ordnungsamtes, der
Verkehrslenkung des Kreises Stormarn, des Landesbetriebes Straßenbau
und Verkehr, des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs und mit
Bürgermeister Hans-Detlef Taube. Das Ergebnis: Die Schilder kommen weg.
"Die Straßenverkehrsordnung hat sich verändert und damit die Grundlage
für das Aufstellen der Tempo-30-Schilder", sagt Hans-Jürgen Zimmermann
von der Verkehrslenkung des Kreises Stormarn. Jetzt müsse eine besondere
Gefahrenlage vorliegen, die sei aber an der Straße nicht gegeben.
Hinzu komme ein Erlass des schleswig-holsteinischen Verkehrsministers. Schilder sollen möglichst abgebaut werden, um die Schilderflut einzudämmen. Die Fülle von Hinweisen lenke die Autofahrer ab und führe dazu, dass sie die Ge- und Verbote nicht befolgten.
Man kommt von den Grundstücken kaum auf die viel befahrene Straße
Aussagen, die die betroffenen Bürger wütend machen. "Durch den Wegfall
der Tempo-30-Zone steigt das Unfallrisiko enorm an", sagt Siggelkow. Und
Nachbarin Petra Heitmann ergänzt: "Durch den Neubau des Radweges und
den Wall zur Straße sind die Ausfahrten von den Grundstücken noch
unübersichtlicher geworden." Man komme nur schwer auf die viel befahrene
Harksheider Straße, zumal der Verkehr ständig zunehme.
Morgens, mittags, abends und sogar nachts donnerten die Lkw über die
Harksheider Straße. Die Fahrer umgehen damit den Staupunkt am
Verkehrsknoten Ochsenzoll. Seitdem da gebaut wird, so Siggelkow, habe
der Schwerlast- und Lieferverkehr zugenommen. Wer von der A 7, aus den
Quickborner Gewerbegebieten oder den Unternehmen an der Oststraße in
Norderstedt Richtung Berlin oder östliche Bundesländer will, fahre durch
Wilstedt. Siggelkow vermutet, dass die Navigationsgeräte diese Route
sogar empfehlen.
Auf der Harksheider Straße seien auch viele Kinder unterwegs. "Wer will
verantworten, wenn sie bei einem Unfall verletzt werden?", sagt
Siggelkow. Die Sicherheit sei aber nur der eine Aspekt: Auch der Lärm
macht den Anliegern zu schaffen. Tempo 30 statt 50 bringe da schon eine
erhebliche Entlastung. Siggelkows Frau Antje blickt aus dem
Wohnzimmerfenster auf die Wiesen und Pferde hinter dem Haus und fasst
die Lage auf ihre Weise zusammen: hinten Paradies, vorne Horror.
Die Siggelkows haben ihre Sorgen um die Sicherheit und Ruhe der Wilstedter dem CDU-Gemeindevertreter und Kreistagsabgeordneten Jürgen Lamp in einem Brief mitgeteilt. Er soll auf Kreisebene Druck machen, damit die Tempo-30-Schilder wieder aufgestellt werden. Lamp hat inzwischen mit Landrat Klaus Plöger, der Kreisverwaltung und dem verkehrspolitischen Sprecher der CDU-Kreistagsfraktion, Heinz Graefe, gesprochen. "Ich habe ihnen den Unmut aus der Bevölkerung übermittelt und eine Anfrage angekündigt", schreibt Lamp zurück. Aus seiner Sicht ist es unumgänglich, die 30-km/h-Bereiche wiederherzustellen. Sie hätten sich für die Schulwegsicherung an der Harksheider Straße und vor der Kita am Dorfring bewährt. Die Anlieger sähen die Harksheider Straße als klassische Wohnstraße, die Verkehrsbelastung sei schon jetzt unerträglich. Die Anlieger fürchteten um ihre Sicherheit.
Seit Jahrzehnten fordern die Tangstedter die Umgehung
In seiner Anfrage spricht Lamp auch ein Thema an, das auch Siggelkow
bewegt: die Umgehungsstraße. Für die kämpfen die Tangstedter seit
Jahrzehnten, Siggelkow war in den 80er-Jahren einer der Initiatoren
einer Umgehung. Lange diskutiert wurde eine Trasse von der B 432 durch
den Tangstedter Forst zur Schleswig-Holstein-Straße. Immer wieder kochte
das Thema hoch, zwischenzeitlich unterstützten auch die Norderstedter
das Projekt. Allerdings favorisierten die eine Trasse, die vor Wilstedt
nach Osten abzweigt und an Tangstedt vorbei auf die Segeberger Chaussee
führt. "Diese Möglichkeit haben die Tangstedter verbaut, weil dort, wo
die Umgehung entlang laufen sollte, jetzt der neue Golfplatz gebaut
wird", sagt Jürgen Lange, Vorsitzender des Ausschusses für
Stadtentwicklung und Verkehr in Norderstedt. 2009 war es ebenfalls Lamp,
der von den Verkehrsbehörden und vom Kreis Stormarn wissen wollte: Wie
kann der Durchgangsverkehr in Tangstedt reduziert oder umgeleitet
werden? Passiert ist nichts.
Auch Bürgermeister Hans-Detlef Taube hat Verständnis für die Sorgen der Anwohner. "Ich sehe hier durchaus ein hohes Gefährdungspotenzial." Der Zentralausschuss der Gemeinde hat das Thema aufgegriffen und ebenfalls ein Schreiben an den Kreis geschickt, in dem die Politiker die Forderung der Bürger unterstützen.