Hamburg. In der Tropenwelt des Tierparks hieß es: zählen, wiegen, messen. Eine Reise von den Lemuren über seltene Echsen bis zu den Hai-Eiern.

Die ersten schwitzen schon. Mal wieder nur Probleme für die Kameraleute. Und die Tour fängt gerade erst an. Schwül-warme Luft, beschlagene Objektive – bei der alljährlichen Inventur in Hagenbecks Tropen-Aquarium kann man schon mal ins Schwitzen geraten. Aber da Probleme nicht mehr Probleme genannt werden dürfen, sondern jetzt Herausforderungen heißen, ist das noch die geringste Herausforderung für die Lichtbildner.

Bei den Kattas, den Halbaffen, die sonst nur auf Madagaskar heimisch sind, muss auch das Gerät einen ersten Härtetest bestehen. Die neugierigen Lemuren fummeln alles ab, biegen alles hin und her, grabbeln da die Stative an und springen hier auf den Kamaras herum. Dabei sollen die Tiere nur gewogen werden.

Wie jedes Jahr quetscht sich ein beachtlicher Pulk durch die engen Gänge der Tropenwelt in Hagenbecks Tierpark. Denn wenn bei der Jahresendabnahme alle Echsen, Schlangen und Fische durchgezählt, gewogen und gemessen werden, ist das durchaus unterhaltsam und informativ. Dass der Tierbestand nie bis auf die letzte Kommastelle erfasst werden kann, weil die Masse der Fische und Blattschneideameisen kaum zählbar ist, gerät da zur Nebensache. „Wir reden über etwa 14.000 Individuen“, sagt eine Tierpark-Sprecherin.

Katta-Zwillinge kamen zu früh und waren zu leicht

Bei den Kattas gibt es Nachwuchs. „Im März sind hier Zwillinge auf der zweiten Stufe der Treppe zur Welt gekommen“, erzählt Tierpfleger Jörg Walter. Viel zu früh und viel zu klein, nur 50-Gramm-Bündel waren es am Anfang „Der Junge kam 14 Uhr, das Mädchen 14.10 Uhr.“ Heute, acht Monate später, steht die öffentlichkeitswirksame Gewichtskontrolle an. Mit Möhrenhäckseln lockt „Katta-König“ Walter die agilen Tiere auf die Waage.

Schon hüpft Jafaro, das junge Männchen, mit seinem charakteristischen schwarz-weißen Schwanz voran: 1256 Gramm meldet das Gerät. Heißt: Gewichtszunahme. „Genau richtig“, sagt Walter. Auch Zwillingsschwester Manja wiegt 1,2 Kilogramm. Alles bravo. Bis die beiden die 2,7 Kilogramm der Clan-Chefin Koboldi erreichen, dauert es noch eine Weile. Später wird die kleine Schwester im Rang über ihrem Bruder stehen. „Bei den Kattas herrscht ein Matriarchat, die Weibchen haben das Sagen“, referiert der Tierpfleger.

Inventur Hagenbecks Tropen-Aquarium

Job mit Aussicht (auf einen Zebrahai): Die Tierpfleger Andy Steffens und Annika Höffner sammeln bei der Inventur im Hai Atoll die Eier von den Zebrahaien ein
Job mit Aussicht (auf einen Zebrahai): Die Tierpfleger Andy Steffens und Annika Höffner sammeln bei der Inventur im Hai Atoll die Eier von den Zebrahaien ein © Michael Rauhe
Hinter 22 Zentimeter dicken Scheiben tauchen Hagenbecks Tierpfleger mit Haien, Rochen und Makrelen.
Hinter 22 Zentimeter dicken Scheiben tauchen Hagenbecks Tierpfleger mit Haien, Rochen und Makrelen. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Im Netz des Keschers befinden sich die Eier des Zebrahai-Weibchens Sally
Im Netz des Keschers befinden sich die Eier des Zebrahai-Weibchens Sally © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Extrem selten, extrem leicht – und auch gar nicht so groß: Ein 13 Zentimeter langes Jungtier der Krokodilschwanzechsen.
Extrem selten, extrem leicht – und auch gar nicht so groß: Ein 13 Zentimeter langes Jungtier der Krokodilschwanzechsen. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Zehn  Jungtiere gibt es derzeit im Tropen-Aquarium bei Hagenbeck. In Asien werden die Tiere getrocknet auf Märkten als Minikrokodile angeboten. Ihr Bestand wird dort nur noch auf 600 bis 800 Tiere geschätzt.
Zehn Jungtiere gibt es derzeit im Tropen-Aquarium bei Hagenbeck. In Asien werden die Tiere getrocknet auf Märkten als Minikrokodile angeboten. Ihr Bestand wird dort nur noch auf 600 bis 800 Tiere geschätzt. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Hört nicht aufs Wort, aber auf Klicklaute: Das dominante Männchen der Krokodiltejus beim Wiegen.
Hört nicht aufs Wort, aber auf Klicklaute: Das dominante Männchen der Krokodiltejus beim Wiegen. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Stolze 2,7 Kilogramm bringt das Tier auf die Waage.
Stolze 2,7 Kilogramm bringt das Tier auf die Waage. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Leibspeise und Lockmittel der Tejus bei Hagenbeck sind Weinbergschnecken. In Südamerika fressen sie Sumpfschnecken, und zwar nur Sumpfschnecken.
Leibspeise und Lockmittel der Tejus bei Hagenbeck sind Weinbergschnecken. In Südamerika fressen sie Sumpfschnecken, und zwar nur Sumpfschnecken. © dpa | Daniel Reinhardt
Nichts und niemand ist vor der Neugier der Kattas, Halbaffen, die es nur auf Madagaskar gibt, sicher. Erst recht nicht Mikros und Kameras.
Nichts und niemand ist vor der Neugier der Kattas, Halbaffen, die es nur auf Madagaskar gibt, sicher. Erst recht nicht Mikros und Kameras. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
„Katta-König“ Jörg Walter beim Wiegen der Lemurenart. Etwa 100 Arten werden auf Madagaskar und den umliegenden Inseln unterschieden.
„Katta-König“ Jörg Walter beim Wiegen der Lemurenart. Etwa 100 Arten werden auf Madagaskar und den umliegenden Inseln unterschieden. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Bitte recht freundlich: Mit Möhren nagelockte Tiere haben es sich auf und neben der Waage bequem gemacht
Bitte recht freundlich: Mit Möhren nagelockte Tiere haben es sich auf und neben der Waage bequem gemacht © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Alles gleichzeitig: Kattas wiegen, Werte eintragen, Kattas bändigen. Tierpfleger Jörg Walter hat es nicht nur leicht.
Alles gleichzeitig: Kattas wiegen, Werte eintragen, Kattas bändigen. Tierpfleger Jörg Walter hat es nicht nur leicht. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Kammera? Läuft. Der Andrang bei der unterhaltsamen und informativen Inventur war groß.
Kammera? Läuft. Der Andrang bei der unterhaltsamen und informativen Inventur war groß. © Michael Rauhe | Michael Rauhe
Perfekte Haltung: Besser kann man als Katta nicht auf einer Waage Platz nehmen.
Perfekte Haltung: Besser kann man als Katta nicht auf einer Waage Platz nehmen. © dpa | Daniel Reinhardt
1/14

Inzwischen hat sich auch Dr. Guido Westhoff, Leiter des Tropen-Aquariums, zur Inventur-Gruppe gesellt. Der Mann legt Wert auf zwanglose Tierhaltung. Das bedeutet, dass viele Arten mit einem Belohnungssystem, dem sogenannten Targettraining, an Fütterungen oder Untersuchungen gewöhnt werden. So fressen etwa Rochen kontaktlos an vorgegebenen Orten, können selbst Nilkrokodile in die gewünschte Untersuchungsposition gebracht werden.

Krokodiltejus sind bei Hagenbeck trainierte Echsen

Eine Kostprobe dieses praktischen Tiertrainings gibt es bei den Krokodiltejus, einer selten Echsenart aus Südamerika. Die bis zu 1,4 Meter langen Reptilien werden bei Hagenbeck nicht auf die Waage gehoben, sie werden per Targettraining auf die Waage gelockt. An der richtigen Position gibt es einen Klicklaut zur Bestätigung – und eine Weinbergschnecke zur Belohnung. Die urwüchsigen Sumpfwaldbewohner fressen in freier Wildbahn ausschließlich Sumpfschnecken. Bei Hagenbeck ist das dominante, wohlgenährte und einem Minikrokodil ähnliche Männchen übrigens genauso schwer wie die Katta-Chefin zuvor: 2,7 Kilogramm.

Wesentlich winziger und viel, viel seltener sind die nächsten Echsen auf dem Plan, auch sie entlehnen ihren Namen den Krokodilen. Wegen ihres gepanzerten Schwanzes werden sie Krokodilschwanzechsen genannt und gelten in freier Wildbahn mit einem Bestand von 600 bis 800 Tieren als fast ausgerottet. „Sie werden in Asien als Nahrungsergänzung bei Kinderkrankheiten gereicht oder für Touristen auf Märkten als getrocknete Minikrokodile angeboten“, weiß Aquariumschef Westhoff. Bei Hagenbeck gab es in diesem Jahr gleich zehn Jungtiere der lebendgebährenden Reptilien, ein großer Erfolg beim Erhalt der Art. Drei davon kommen heute auf die Waage. Absolute Leichtgewichte, ganze sieben Gramm werden angezeigt. Aber immerhin wohlauf.

Taucher finden 38 Zebrahai-Eier im Aquarium

Ähnliche Zuchterfolge blieben im Hai-Atoll, dem 1,8 Millionen Liter fassenden Riesenaquarium bei Hagenbeck, bisher aus. Zumindest bei den Zebrahaien. Aber es besteht Hoffnung. Denn Zebrahaiweibchen Sally legt in schöner Regelmäßigkeit Eier in die Korallenlandschaft – bisher nur leider meist unbefruchtet. „Wir wissen nicht genau, woran es liegt“, sagt Guido Westhoff. „Aber auch anderen Aquarien geht es so. Deshalb tauschen wir von Zeit zu Zeit die Männchen aus.“ Bei 2,2 Meter langen Tieren müsse dafür ein Spezialtransport her. „Das ist eben nicht so, als würden Sie mit einem Goldfischbeutel aus der Zoohandlung spazieren.“

Bei der Inventur haben sich die beiden Tierpfleger Andy Steffens und Annika Höffner in Neoprenanzüge gezwängt – eine Tauchausbildung gehört im Tropen-Aquarium zum Anforderungsprofil. Ihre Aufgabe heute: Die Haieier einsammeln und durchleuchten, um festzustellen, ob sie Eidotter enthalten und damit befruchtet sind. Zwischen Schwarzspitzenriffhaien und Adlerrochen lesen die Pfleger insgesamt 38 Eier auf. Doch nach der Durchleuchtung mit wasserdichter Unterwassertaschenlampe ist wohl auch in diesem Frühjahr kein Zebrahainachuwchs zu erwarten.

Dabei nimmt das Hai-Weibchen einiges in Kauf, um sich überhaupt zu paaren. Das Männchen verbeißt sich nämlich beim Akt in die Flossen seiner Partnerin, wovon deutliche Bissspuren an Sally zeugen. Es hat eben nicht nur Vorteile (keine Feinde, geregelte Mahlzeiten) Zuchthaiweibchen bei Hagenbeck zu sein. Aber das sind alles keine Probleme, sondern maximal Herausforderungen.