Berlin. Die Krankenschwester Jacqueline Stellmach leitet eine Intensivstation. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit und Impfskeptiker.

Jacqueline Stellmach, 48, steht in ihrer blauen Arbeitskleidung vor dem Haupteingang des Charité-Campus Virchow-Klinikum in Berlin. Es regnet, es ist kalt, immer wieder wollen Besucher auf das Klinikgelände, doch die Mitarbeiter der Security weisen die meisten ab.

Wegen der Corona-Pandemie gilt ein Besuchsverbot mit nur wenigen Ausnahmen. Stellmach ist Krankenschwester und Leiterin der Station 9i, einer chirurgischen Intensivstation. Zudem hilft sie derzeit auf einer der Corona-Intensivstationen aus.

Die Auslastung der Intensiv-Betten ist besorgniserregend und immer noch angespannt, auch wenn die Fallzahlen gerade sinken. Das Ende der Corona-Pandemie kann Stellmach kaum erwarten.

Auch wenn die Mutter von drei Kindern schon gegen Corona geimpft wurde. Nicht alle Ärzte und Pfleger in Deutschland wollen sich impfen lassen, wie Umfragen zum Beispiel der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin ergaben. Eine Haltung, die Stellmach, die seit 1994 in der Charité arbeitet, nicht verstehen kann.

Frau Stellmach, Sie arbeiten hauptsächlich auf einer chirurgischen Intensivstation, wie ist die Situation dort?

Stellmach: Normalerweise behandeln wir auf der chirurgischen Intensivstation meist Krebspatienten, mit Operationen an Bauchspeicheldrüse, Magen und Speiseröhre oder Patienten mit Gefäßerkrankungen. Aktuell kommen all die Patientinnen und Patienten zu uns, die nicht an Corona erkrankt sind. Wir hatten letztens sogar einen, der ein neues Kunstherz bekommen hat. Und natürlich behandeln wir viele Unfallopfer. Das sind Notfälle, die ohne die Corona-Pandemie anders verteilt würden.

Sie sind schon gegen das Coronavirus geimpft worden? Wann und wie war das?

Das war am 29. Dezember. Die meisten Mitarbeiter meiner Abteilung haben laut hier geschrien und wollten unbedingt dabei sein. Es gab eine lange Warteliste und ich musste die Mitarbeiter innerhalb von zwei Stunden anmelden. Es ist aber gut, dass die Impfungen jetzt jede Woche weitergehen.

Hatten Sie keine Angst zu den ersten zu gehören?

Überhaupt nicht. Ich werde ja nicht nur auf der chirurgischen Intensivstation, sondern auch auf einer Covid-Intensivstation eingesetzt. Und ich fühle mich mit der Impfung geschützter.

Hatten Sie Nebenwirkungen?

Mögliche Nebenwirkungen wie grippeähnliche Symptome hatte ich nicht. Lediglich mein Arm tat weh und fühlte sich schwer an wie nach einer Tetanus-Impfung, als ob ich einen blauen Fleck von einem Stoß bekommen hätte. Das war aber nach ein, zwei Tagen weg.

Haben Sie die Impfung herbeigesehnt?

Ja, damit auch unsere Arbeit wieder leichter wird. Ich hoffe, dass sich viele, viele impfen lassen. Viele meiner Kollegen sind beim ersten Schwung im Dezember nicht bedacht worden, die waren richtig traurig. Der Anteil der Mitarbeiter auf meiner Station, die sich nicht impfen lassen wollen, ist dagegen absolut minimal.

Die Krankenschwester Jacqueline Stellmach vor dem Berliner Virchow Klinikum.
Die Krankenschwester Jacqueline Stellmach vor dem Berliner Virchow Klinikum. © Reto Klar / Funke Foto Services

Und was ist deren Begründung?

Am häufigsten höre ich von den Kollegen, die sich nicht impfen lassen wollen, dass sie noch abwarten möchten, wie die anderen die Impfung vertragen.

Aber diese Zögerlichkeit ist doch gerade bei Pflegepersonal nicht verständlich. Gerade Sie und Ihre Kollegen wissen doch, was einen bei einem schweren Covid-Verlauf erwartet.

Ja, das ist irrational. Gerade wir in der Pflege sind medizinisch geschult und wenn einige wenige von uns sagen: Wir lassen uns nicht impfen. Was soll dann erst die Bevölkerung sagen, wenn wir nicht mit positivem Beispiel vorangehen? Ich verstehe es nicht. Impfgegner aus der Pflege sind mir ein Rätsel.

Gibt es darüber Diskussionen im Kollegium?

Nein, gar nicht, bei uns ist die Impfbereitschaft extrem hoch. Ich weiß zwar, wer sich nicht impfen lassen will, ich musste das abfragen, für den Fall, wenn wieder Impfstoff zur Verfügung steht. Aber ich werde eher von den noch nicht geimpften Kollegen gefragt: Wann bin ich endlich dran?

Sind Sie persönlich für eine Impfpflicht?

Das ist schwierig. Verpflichtungen lösen immer Antipathien aus. Ich bin eher für Aufklärung.

Und was ist mit bestimmten Berufsgruppen wie Ihre?

Da gilt für mich das gleiche. Außerdem haben wir in Deutschland einen Mangel an Pflegepersonal. Eine Impfpflicht macht den Job nicht attraktiver.

Wie reagieren die Menschen aus Ihrem Umfeld auf Sie, wenn sie erfahren, dass Sie auf einer Covid-Intensivstation arbeiten?

Viele haben die Dimension der Krankheit immer noch nicht begriffen und fragen mich: Ist Corona wirklich so schlimm, wie es immer in den Medien heißt? Dann antworte ich: Nein, es ist viel schlimmer.

Was ist anders für Sie auf der Covid-Intensivstation?

Eigentlich ist Intensivpatient gleich Intensivpatient. Aber es ist insofern anders, weil der Aufwand höher ist. Kittel, Handschuhe und Maske tragen wir sowieso, aber es kommen noch Brille, Faceshield, und Haube dazu und die wechselt man von Patient zu Patient. Und das ist natürlich anstrengend.

Was unterscheidet die Patienten von denen in der chirurgischen Abteilung?

Patienten in der Chirurgischen haben sehr viele Bauchdrainagen, manchmal zehn Stück, das haben die Covid-Patienten meist nicht. Aber sie liegen viel auf dem Bauch, werden fast immer beatmet, liegen an der Dialyse. Aber vor allem sind Corona-Patienten einsam. Einsam ohne Ende. Wegen der Isolierung liegen sie in Einzelzimmern, die Türen sind zu und es ist dort ganz still. Und das geht manchmal Wochen lang so. Das finde ich am schrecklichsten. Ich würde das für mich nicht wollen, ich möchte auch nicht, dass meine Freunde das erleben oder meine Kinder.

Wie gehen Sie als Pflegekraft mit dem Tod um?

Auf der chirurgischen sterben nicht so viele Menschen. Aber es gehört zu meiner Arbeit. Wenn ich im Moment auf der Covid-Station arbeite, stirbt pro Schicht ein Patient. Daran habe ich manchmal zu knabbern. Dazu kommt, dass wir uns im Kollegium nur mit Abstand oder digital austauschen können. Ich spreche viel mit meiner ältesten Tochter und meinem Freund, das hilft mir.

Gibt es wiederkehrende Merkmale unter den Corona-Patienten?

Sie sind meist etwas kräftiger gebaut, das trifft aber nicht auf alle zu. Vorerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck kommen oft vor. Aber das Coronavirus ist unberechenbar. Es gibt auch Patienten auf der Intensivstation, die sind unter 40, fit und ohne Vorerkrankungen und kämpfen auf der Covid-Intensivstation um ihr Leben.

Wie lange halten Sie und Ihre Kollegen die hohen Arbeitsbelastungen durch die Corona-Pandemie noch aus?

Das fragen wir uns auch immer. Aber wir sind hochmotiviert. Das ist die Stunde der Pflege und wir helfen uns gegenseitig. Keiner meckert. Ich freue mich über jede positive Nachricht. Vor allem wenn die Auslastung der Intensivbetten stabil bleibt. „Stabil“, ist das beste Wort in diesen Tagen.

Wie sicher sind Corona-Schnelltests?

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    Was glauben Sie, wie lange wird die Situation noch so bleiben?

    Ich hoffe, dass der Lockdown demnächst wirkt und die Zahlen weiter runtergehen. Aber bis Februar, März wird die Situation noch angespannt bleiben.

    Haben Sie das Gefühl, dass dieser Lockdown schon etwas gebracht hat?

    Das kann ich so nicht beurteilen. Aber die Leute auf der Straße nehmen den zweiten Lockdown nicht so ernst wie den ersten im März, damals war viel weniger los. Wenn ich mit dem Auto nach Hause fahre, sind die Straßen voll, viele Menschen sind auf der Straße. Ich weiß nicht, woran es liegt, ob die Leute nicht mehr so viel Angst vor dem Virus haben? Jedenfalls, darüber könnte ich mich aufregen.

    Worauf freuen Sie sich am meisten nach der Pandemie?

    Ich möchte mit meiner Familie ein großes Sommerfest feiern, wir sind fünf Geschwister und haben uns nicht einmal in diesem Jahr zusammen gesehen. Und dann möchte ich wieder reisen und irgendwo im Sommer am Meer liegen.

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