"Sechzehneichen" - Heike Makatsch in der Heimchen-am-Herd-Hölle
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Frankfurt. . Wow, großes Fernsehen! Welch ein Film! Regisseur Hendrik Handtoegten zeigt in „Sechzehneichen“, wie ein vermeintliches Öko-Paradies für Reiche zur Heimchen-am-Herd-Hölle wird. Nicht nur Hauptdarstellerin Heike Makatsch treibt er dabei zur Bestleistung.
Das Grauen hat einen Namen: Es heißt „Sechzehneichen“ (Mittwoch, ARD, 20.15 Uhr). Regisseur Hendrik Handloegten zeigt wieder einmal, wie bei der „Polizeiruf“-Episode „Fieber“, Menschen in psychischen Grenzsituationen. Dafür trieb er sein hochkarätiges Schauspieler-Ensemble zu Bestleistungen – allen voran Heike Makatsch.
Handloegten inszeniert Frankfurt als Heimstatt der Oberschicht. Laura (Heike Makatsch) reagiert auf die dicke Luft in der Großstadt buchstäblich allergisch. Sie und ihr Mann Nils können sich aber erlauben, der Metropole zu entfliehen. Das Reichen-Ghetto „Sechzehneichen“ scheint der richtige Ort dafür zu sein: freistehende Häuser in parkartiger Umgebung. Zaun und Sicherheitsdienst – US-Vorbilder lassen grüßen – sollen Bösewichte schrecken.
Allein, die Bedrohung kommt nicht von außen, von innen droht viel mehr Gefahr.
Doch zunächst erscheint die Gartenstadt als Öko-Paradies kultivierter, vermögender und obendrein sehr vorzeigbarer Menschen: Sie scheinen, wie Handloegten feststellt, so zu sein, „wie wir alle gerne wären“. Handloegten weiter: „Ich habe in meinem Film versucht, das auf die Spitze zu treiben: Was passiert, wenn wir alle nur noch unter uns bleiben?“
Er will rein in die Gemeinschaft, sie am liebsten wieder raus
Während Nils schnell zur Siedlungsgemeinschaft gehören will, fremdelt Laura – vor allem mit Nachbarinnen wie Ella (Sandra Borgmann), Valerie (Stefanie Stappenbeck) und Marlene (Lavinia Wilson). Sie hält die berufsmäßig zu Hause lebende Damen-Riege für zu oberflächlich.
Später wäre Laura froh, wenn plattes Party-Geplapper das einzige Problem in der Nachbarschaft gewesen wäre. Stattdessen beherrscht ein Männer-Club, angeführt vom Arzt Ludwig (Marc Hosemann), die Siedlung, er macht die Ehefrauen in jeder Hinsicht gefügig, auch in sexueller Hinsicht, wie Nachbarschaftsnovize Nils recht bald feststellt.
Er findet Gefallen daran.
Nils frönt heimlich verbotenen Gelüsten
Je mehr Nils heimlich im Kreis von Gleichgesinnten verbotenen Gelüsten frönt, desto mehr wird ihm seine Gattin fremd.
Handloegten, Kameramann Philipp Haberlandt sowie dem Hauptdarsteller-Duo gelingen Szenen, in denen körperlich greifbar wird, wie wenig sich die Eheleute zu sagen haben – und wie sehr unter der scheinbar friedlichen Oberfläche Angst und Wut brodeln. Selten hat es ein Film, zumal im Fernsehen, so gut geschafft, für innere Zustände symbolkräftige Bilder ohne Mystery-Mätzchen von US-Produktionen zu finden. Allein das Wohnzimmer von Laura und Nils ist ein starkes Sinnbild: Die Terassenscheibe spiegelt das schwappende Wasser des Swimmingpools. Zugleich passt es perfekt zu der inneren Unruhe des Paars.
Inspiration vom schwarzen Regie-Romantiker David Lynch
Dass sich Handloetgen von der Heimchen-am-Herd-Hölle der „Frauen von Stepford“ und vom schwarzen Regie-Romantiker David Lynch inspirieren ließ, schadet „Sechzehneichen“ überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er modernisiert das Film-Drama von 1975 und gibt ihm überdies einen glaubwürdigen deutschen Akzent.
Heike Makatsch spielt die Jane in „Paris, Texas“
1/20
Der Film endet mit einem furiosen Finale. Alle Konflikte zwischen Nils und Laura brechen sichtbar auf. Heike Makatsch und Mark Waschke fechten einen Geschlechterkampf, der wörtlich genommen werden darf, mit beinahe beängstigender Präsenz aus.
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