Köln/Hagen. Was kommt nach der Empörung? Überlegungen zu der Hysterie um das Oma--Umweltsau-Lied des WDR-Kinderchores

Ein deutscher Maler setzt der babylonischen Hure eine Papstkrone, eine Tiara, auf. Der Papst als Antichrist? Das ist eine krachende Beleidigung. Das tut weh. Die Flugblätter mit diesem Bild finden reißenden Absatz. Wir schreiben das Jahr 1534, der Maler heißt Lucas Cranach d.Ä, und er nutzt ein neues Medium, die Druckerpresse. In einer Zeit, in der die meisten Menschen nicht lesen und schreiben können, werden Flugblätter mit Papstkarikaturen zur wichtigsten Waffe von Reformatoren wie Martin Luther. Die Darstellungen sind obszön und entwürdigend. Heute hängen sie im Museum.

Die Druckerpresse unserer Tage ist das Internet. Dessen Dynamik überfordert die Bürger jedoch zusehends, wie sich an der Diskussion um das Oma-Lied des WDR-Kinderchores zeigt. Das ist kein schönes Lied. Da, wo ich herkomme, bezeichnet man Mitmenschen nicht als Sau – und schon gar nicht die geliebten Omas und Opas. Im Bußgeldkatalog für Beleidigungen ist „alte Sau“ sogar mit 2500 Euro gelistet. Aber: Wollten hier wirklich Textautoren bewusst Tabus brechen und einen Generationenkrieg vom Zaun brechen? Oder wollten sie nur frech sein und haben sich vergaloppiert? Viel spricht dafür, dass letzteres zutrifft. Es gab eine Entschuldigung, danke dafür, und Schwamm drüber.

Verrohung trifft auf Selbstgerechtigkeit und Belehrwut

So einfach läuft das im Internet-Zeitalter aber nicht. Rechtsradikale entdecken das Thema für ihre Hetze, es gibt sogar Morddrohungen. Unfassbar. Die Guten versuchen im Gegenzug mit Furor, das Lied heiligzusprechen und alle, die es trotzdem geschmacklos finden, in die rechte Ecke zu stellen oder als Spießer zu verunglimpfen. So trifft rechtsradikale Verrohrung auf die Selbstgerechtig

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keit und Belehrwut mancher Klimaleute, und dazwischen reibt sich die Mitte erschüttert die Augen.

Im Jahr 2016 löschte das ZDF Jan Böhmermanns Schmähkritik an Erdogan aus der Mediathek. Ein hilfloser Versuch, sich ans juristisch vermeintlich sichere Ufer zu retten, denn im digitalen Zeitalter kann man Inhalte nicht wirklich löschen. Der WDR hat das Kinderlied ebenfalls aus seiner Mediathek entfernt, als Angebot, die zahlreichen Hörer zu besänftigen, die sich von dem Text verletzt fühlen. War das richtig? Hätte die Entschuldigung nicht gereicht? Wir müssen eine Diskussion führen, was uns Pressefreiheit und Meinungsfreiheit wert sind, egal, ob das Oma-Lied nun Satire ist oder missglückte Satire oder einfach nur ganz allgemein daneben gegangen.

Diskussion über Respekt

Und nebenbei müssen wir auch eine Diskussion über Respekt führen. Es ist schwer erträglich, mit welcher Nonchalance die ältere Generation pauschal zu Klimakrisenverursachern erklärt wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Ohne Druckerpresse keine Meinungsfreiheit. Die wird 1789 im revolutionären Paris als Bürgerrecht proklamiert. Die Pressefreiheit ist die Zwillingsschwester der Meinungsfreiheit. Sie wird erstmals im Zuge der Amerikanischen Revolution 1776 als unveräußerliches Menschenrecht formuliert. In Deutschland ist sie ein noch junges, zartes Pflänzchen. Erst nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 wird – nicht ohne rechtliche Kontroversen – die Pressefreiheit hergestellt. In der DDR konnte man davon bis zuletzt nur träumen.

Man kann daraus lernen

Die Oma-Aufregung war nicht umsonst, wenn wir daraus lernen. Erstens: Redaktionen sollten sich genau überlegen, ob sie ihre Inhalte in vorauseilendem Gehorsam löschen. Wir alle als Gemeinschaft demokratischer Bürger sollten nicht zulassen, dass jemand für seine Meinung bedroht oder angegriffen wird. Zweitens: Man muss sachliche Kritik äußern können, ohne in die rechte Ecke gestellt oder als rechter Toll beschimpft zu werden. Drittens: Manchmal hilft es auch, einfach gar nichts zu twittern oder zu posten oder vorher wenigstens nachzurechnen, ob Omi überhaupt eine Sau, wie auch immer, sein kann. Viertens: Mit ein bisschen Humor lebt es sich viel leichter. Humor ist am Ende das, was Demokraten von Fanatikern unterscheidet.