Das Volleytor eines 20-jährigen Greenhorns aus Italien beweist: Der HSV hat wieder Mut im Abstiegskampf. Zumindest die Bayern wurden entnervt.

Hamburg. Der HSV kann es doch auch gegen Spitzenteams - zumindest teilweise: Mit einem hart umkämpften, aber gerechten Unentschieden gegen den FC Bayern München haben sich die Hamburger Sicherheit im Abstiegskampf geholt und zugleich den Rekordmeister von der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga gestoßen.

Beim 1:1 (1:0) gegen die Bayern im Sonnabendabendspiel spielte sich auf HSV-Seite vor allem einer in den Vordergrund: Das 20 Jahre alte Greenhorn Jacopo Sala sorgte in der 23. Minute mit seinem ersten Bundesliga-Tor für die Führung der Gastgeber. Der eingewechselte ehemalige Hamburger Ivica Olic stellte den Endstand her (71.). Mit 41 Punkten sind die Bayern nun Zweiter hinter Titelverteidiger Borussia Dortmund (43 Zähler).

"Ich hatte Glück, dass der Ball zu mir kommt. Aber Stürmer brauchen das. In der zweiten Halbzeit haben wir mehr Druck gemacht“, sagte Olic. Für die Ambitionen der Bayern genügte die Leistung seines Teams nicht, gestand der Torschütze. "Sicherlich reicht das nicht. Wir müssen noch viel arbeiten und versuchen, möglichst schnell auf das Niveau zu kommen, auf dem wir waren.“

Entnervt reagierte Sturmkollege Thomas Müller: "Wir müssen immer gewinnen beim FC Bayern. Und vor allem wenn du Meister werden willst, musst du sehr viele Spiele gewinnen. Deswegen ärgert mich das Unentschieden immens, weil es ein Spiel war, wo viel mehr drin war. Eigentlich bist du enttäuscht, verärgert, kannst aber auch das Spiel nicht schlecht reden.“

Trainer Jupp Heynckes wollte seiner Mannschaft indes zum Spiel keine Vorwürfe machen, "aber die Ansprüche beim FC Bayern sind größer und extremer. Deswegen können wir nicht zufrieden sein. Wir hätten hier heute gewinnen müssen, hätten das erzwingen müssen.“

Beim HSV herrschten gemischte Gefühle. "Heute hätten wir das Ding gewinnen können. Das 1:1 ist verdient, aber wir hatten die Möglichkeiten“, sagte Heiko Westermann. Auch David Jarolim war eher enttäuscht: "Leider stimmt das Ergebnis nicht. Wir haben 1:0 geführt. Schade, dass wir das nicht über die Zeit gerettet haben. Das Spiel hat uns viel Kraft gekostet. Es war eine gute Mannschaftsleistung. Das war am Limit.“

HSV-Trainer Thorsten Fink gefiel, dass seine Mannschaft defensiv gut stand und auch nach vorne Akzente setze. "Wir hatten die klareren Torchancen. Mir hat sehr gefallen hat, dass die Mannschaft nach dem 1:1 noch nach vorne gespielt hat und das Spiel noch gewinnen wollte", sagte Fink bei Sky.

Die Fink-Elf begann im 104. Nord-Süd-Duell in der Tat nicht so ängstlich wie vor zwei Wochen beim blamablen 1:5 gegen Dortmund . Die Mannschaft war selbst bei minus fünf Grad im mit 57.000 Zuschauern ausverkauften Stadion heiß und riss im ersten Durchgang die Initiative an sich.

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Mutig warfen sich die Platzherren in die Zweikämpfe, ließen die technische beschlagenen Bayern nicht in ihren gewohnten Kombinationsrhythmus kommen. Außer Slobodan Rajkovic, der Stamm-Innenverteidiger Jeffrey Bruma (Kniereizung) ersetzte, ließ der ehemalige Bayern-Spieler Fink die gleiche Formation starten wie beim 2:1 bei Hertha BSC.

Bereits nach vier Minuten hätte Mladen Petric nach einem Freistoß von Dennis Aogo einköpfen können und verfehlte nur knapp das Tor von Nationalkeeper Manuel Neuer. Sekunden später rettete Toni Kroos auf der Torlinie, als Heiko Westermann einen Eckstoß von Aogo bestens mit dem Kopf erwischte.

Die dritte Großchance der Hanseaten saß dann: Sala traf in seinem dritten Spiel für den HSV erstmals. Der 20 Jahre alte Italiener nahm halbrechts am Strafraum-Rand eine Flanke von Paolo Guerrero volley und traf genau ins lange Eck, unhaltbar für Nationaltorwart Manuel Neuer. Die Hamburger unter den 57.000 Zuschauern in der ausverkauften Arena gerieten folgerichtig aus dem Häuschen. Wegen Verletzungen hatte Fink den Zugang vom FC Chelsea in der Hinrunde nicht gebracht, gegen Hertha erstmal für den verletzten Gökhan Töre auf dem rechten Flügel aufgeboten. Nach 401 Minuten ohne Treffer gegen die Bayern war der Bann gebrochen. Neuer konnte nichts ausrichten gegen den strammen Aufsetzer von Sala. Eher hätte Boateng zuvor klären müssen als zu Guerrero zu köpfen.

Bayern-Coach Heynckes hatte nach dem Ausfall von Rafinha (Gelb-Sperre) und Daniel van Buyten (Mittelfußbruch) die Innenverteidigung mit dem Ex-Hamburger Jérome Boateng und Holger Badstuber nicht umstellen wollen. Mittelfeldspieler Anatoli Timoschtschuk machte seine Sache auf ungewohnter Position hinten rechts gut.

Den Torschrei der Bayern nach 14 Minuten, als sich Bastian Schweinsteiger vor dem Tor im Luftkampf durchsetzte und einnetzte, erstickte Schiedsrichter Knut Kircher aber umgehend. Der Unparteiische pfiff wegen eines Foulspiels von Mario Gomez an Westermann ab.

Wenn die Gäste ihr Tempo entwickelten und ins Rollen kamen, war es mehrmals an HSV-Torhüter Jaroslav Drobny, in letzter Not zu retten. So beim Schuss von Arjen Robben (30.).

Der HSV eröffnetet die zweite Halbzeit mit einer Fast-Wiederholung des Treffers von Sala (47.). Die Neuauflage aus gleicher Position misslang aber, weil er im Übereifer über das Tor schoss. Die Bayern übernahmen mehr und mehr die Regie. HSV-Schlussmann Drobny verhinderte in der 70. Minute den Ausgleich bei einem Schuss von Thomas Müller, doch zwei Minuten später war er gegen den Ex-Hamburger Olic chancenlos. Der Kroate verzichtete nach seinem Abstauber aus kurzer Distanz nach einem Eckball auf Jubel.

Die Statistik

Hamburg: Drobny - Diekmeier, Westermann, Rajkovic, Aogo - Rincon, Jarolim (90.+2 Tesche) - Sala (75. Ilicevic), Jansen - Guerrero, Petric (71. Son). - Trainer: Fink

München: Neuer - Timoschtschuk (61. Alaba), Boateng, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Toni Kroos (64. Olic) - Robben, Thomas Müller, Ribery - Gomez. - Trainer: Heynckes

Schiedsrichter: Knut Kircher (Rottenburg)

Tore: 1:0 Sala (23.), 1:1 Olic (71.)

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)

Beste Spieler: Drobny, Rincon - Schweinsteiger, Toni Kroos

Gelbe Karten: Westermann (4), Rincon (5) - Boateng, Toni Kroos (4)

Torschüsse: 13:20

Ecken: 5:10

Ballbesitz: 39:61 Prozent

Mit Material von dpa und dapd