Menden. Fulminante Premiere für „Die Niere“ im Mendener Amateurtheater – mit dem wohl ungewöhnlichsten Beifall aller Zeiten.
Wer hätte das gedacht? Auf eine fremde Spenderniere zu warten kann noch länger dauern als der Neubau der kaputten A-45-Brücke in Lüdenscheid. „Die Niere“ steckt zur Premiere im Mendener Amateurtheater MAT am Samstagabend voller Anspielungen auf heimische Gefilde. Das Bühnenbild (Cornelia und Martin Böhr) mit Vincenzturm tut dazu ein Übriges. Und auch sonst zieht sich die Leichtigkeit im Umgang mit einem Sujet, aus dem sich auch ein todernstes Organspende-Drama hätte stricken lassen, als blutroter Faden durch die Handlung dieser rabenschwarzen Komödie von Ralf Vögel.
Lifestyle-Waschlappen tanzt zu Tina Turners „Simply the Best“ vorm Spiegel
Was tust du, wenn du eine neue Niere brauchst, sich dein Ehemann aber mitnichten als erwartet williger Spender erweist? Hauptdarsteller Ralf Kreisel fühlt sich sichtlich wohl in der Rolle des selbstverliebten Lifestyle-Waschlappens Arnold, der zum Auftakt zu „Simply the Best“ von Tina Turner vorm Spiegel tänzelt und gleich für Lacher sorgt. Konfrontiert mit dem Nierenproblem von Gattin Kathrin malt sich der Architekt aus, wie er ausgenommen wird – „bei lebendigem Leib!“ Das wiederum ernüchtert die kranke Kathrin, souverän gespielt von Nadine Erbsfeld.
„Im Kleid von Brunhilde Rieber“ mitten rein in die Beziehungs-Katastrophe
Fortan entspinnt sich mit dem befreundeten Ehepaar Götz und Diana (herrlich in der Rolle der notorisch angesüffelten Betrügerin mit einem Kleid „von Brunhilde Rieber“: Simone Lensing) ein munteres Wechselspiel um Ethik und Moral. Und darum, wie absurd es werden kann, wenn unsere ach so hehren Werte mal amtlich auf die Probe gestellt werden. Die Gags um all die an den Haaren herbeigezogenen Ausreden sitzen perfekt. Und das Mendener Publikum lässt sich gerne anstecken, geht voll mit, ist schon nach Sekunden gefangen in der dargebotenen Handlung. Als Götz (der heimliche Star des Abends: Markus Schultz) zur Feier des Auftrags für den Bau von Arnolds phallischem „Diamond Tower“ ein Stück Turm-Torte erhält und den steinharten Leckerbissen „stabil gebaut“ nennt, flüstert eine Zuschauerin zu ihrer Nebenfrau: „Die ist zu trocken.“ Die Menschen sind rasch mittendrin im Spiel, und das bleibt so – auch über die Pause und alle folgenden Drehungen und Wendungen des Schicksals hinweg bis hin zum überraschenden Schluss.
Erkrankter Co-Regisseur erlebt Applaus von der Bühne aus – übers Laptop

Das Darsteller-Quartett erntet verdiente Standing Ovations, Nadine Erbsfeld vom Publikum sogar noch ein Geburtstagsständchen. Sehr schön, weil fast schon intim ist an diesem Freitagabend der Schluss nach dem Schluss, als Ralf Kreisel auch die Regisseurin Frauke Brenne auf die Bühne ruft. Die wiederum hat ihren erkrankten Mit-Spielleiter Simon Großerhode schon das gesamte Stück via Laptop im Zuschauerraum miterleben lassen und bringt ihn auf dem Bildschirm jetzt auch mit nach vorn.
Damit empfängt das einfallsreiche Regie-Duo, das die fulminanten musikalischen Einlagen und die Sauerland-Einsprengsel dezent eingebaut hat, seinen hochverdienten Applaus, wenn auch zur Hälfte nur virtuell. Geehrt sehen sich auch unentbehrliche Helferinnen wie die Torten-Erbauerin Isabell Kreisel oder die Proben-Souffleusen Luisa Klotz und Sophie Kersting, die an diesem Abend zugleich als Lichtfrau fungiert.
Das MAT: Ein Theater funktioniert auch dank Family Business
Einige der Nachnamen zeigen: Das MAT hat etwas von einem Family Business. Das Theater will erklärtermaßen für alle von 8 bis 80 da sein, und zwar bei Mitwirkenden wie beim Publikum. Und diese Familie hat es allemal verdient gesehen zu werden – auch zu den kommenden 15 Aufführungen der „Niere“.
Hätten wir fünf Empfehlungssternchen, sie müssten diesmal alle gegeben werden.
Nächste Aufführungen
Die nächsten Aufführungen von „Die Niere“ im MAT, Fröndenberger Straße 40, sind am Freitag, 28. Oktober, Samstag, 29. Oktober sowie Montag, 31. Oktober, jeweils ab 20 Uhr zu sehen. Der Eintritt beträgt 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.
Tickets sind erhältlich bei „Brennweite – Fraukes Fotostudio“, Unnaer Straße 41, „Provinzial Gerlach“, Hermann-Löns-Straße 31a, „Tabak Semer“, Hauptstraße 16 und über das Kartentelefon des Theaters, Ruf 02373 / 9195591 (auf den Anrufbeantworter sprechen). Oder direkt über den Link www.ticket-regional.de/events.