Essen. . Gut 10 000 Besucher kamen am Samstag zum kostenlosen Dreifach-Konzert des WDR am See. Nur die Stadt erwies sich für manchen als Spielverderber.
Der erste Eindruck kann natürlich täuschen, aber zwei, drei Stunden vor dem Abmarsch zum See – der heimische Rasen ist gemäht, die Aufnahme der nächtlichen Rockpalast-Show am Festplatten-Recorder programmiert – wird wohl dies hier SEINE meistgestellte Frage gewesen sein: „Das T-Shirt hier, Schatz, nicht wahr, das kann ich doch noch ganz gut tragen. Oder?“
Nun, SIE hat Ja gesagt. So manches Mal ganz sicher augenrollend und wieder besseres Wissen, aber was soll man sich gegenzeitig herunterziehen mit abgeschmackten Scherzen über den Verlust körperlicher Spannkraft und die Gesetze der Physik, wenn einen der öffentlich-rechtliche Haussender an diesem Samstag einlädt, musikalisch der guten alten Zeit hinterherzuträumen?
Lange Schlangen am Pommes- und Bier-Stand
Laith Al-Deen, Albert Hammond und Orchestral Manoeuvres in the Dark umsonst und draußen am Seaside Beach, es ist warm, die Kulisse großartig, die Laune bestens. Es mögen gut 10 000 sein, die sich an diesem Abend am Baldeneysee ein Stelldichein geben, irgendwas zwischen Familienfest und Ü45-Party, wobei einem schon klar ist, dass es damals, als das Led Zeppelin-T-Shirt noch nicht so bis zum Bersten spannte, auf Konzerten wohl keine Infostände von der AOK gab und keine Sponsorbeiträge vom Opel-Autohaus.
Und natürlich wollen alle, dass es hier und heute Abend nicht regnet, wie in „Southern California“, dabei wäre ein ganz kleiner Guss schon hilfreich, damit die unfassbar lange Schlange am Pommes-Stand oder vor den Bierwagen sich wenigstens für kurze Zeit verflüchtigt. Aber es bleibt trotz drohender Wolkenkulisse bis auf ein paar Tröpfchen, die sich um 22.47 Uhr für zwanzig Sekunden an den See verirren, trocken, mehr als sechs Stunden lang.
„Ja, ich weiß, ich bin ein alter Mann“
Und die Stimmung feucht-fröhlich: mit Laith Al-Deen, der den popmusikalischen Anheizer spielt, mit Albert Hammond („Ja, ich weiß, ich bin ein alter Mann“), der seine eigenen Welthits mit der Akustischen genauso zum Besten gibt, wie jene, die er für andere schrieb. Und mit dem melodischen Synthie-Pop von OMD, die mit wummerndem Bass und ihren wunderbaren Melodien den perfekten Soundtrack für den Sonnenuntergang am See liefern: „Enola Gay“, „Maid Of Orleans“, „Secrets“, „Sailing on the Seven Seas“. Das passende Selfie wird sofort ins Netz gestellt.
Bis schlag 22.57 Uhr der letzte Ton am See-Strand erklingt und eine beseelte Hörergemeinde heim geht. Ein Obdachloser hat seine Einnahmen binnen weniger Stunden in die Höhe katapultiert, weil er die Plastikbecher all jener Besucher in die Hand gedrückt bekommen hat, die keine Lust verspüren, für ihr Pfand schon wieder eine halbe Stunde anzustehen.
Ein Knöllchen-Gruß von der Stadt
Und die sittsam heimströmende Menge, die mitten im Leben steht und sich teure Tickets hätte kaufen können, diskutiert ebenso begeistert wie irritiert, dass sie auf eine so wunderbare Weise gebührenfinanziert musikalisch beglückt wurde. Die Begeisterung legt sich etwas, als viele von ihnen wenig später an der Windschutzscheibe die erbarmungslos geschriebenen Knöllchen der Stadt Essen registrieren.
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