Essen. . Nach dem EU-Austritt werden Auslandsaufenthalte für Schüler und Studenten deutlich schwieriger und wohl auch teurer. NRW-Hochschulen befürchten Ende der Freizügigkeit.

„England ist Kult, plane jetzt Deinen High School-Aufenthalt“, so warben bislang zahlreiche Austauschorganisationen um deutsche Schüler, die das „weltberühmte englische Schulsystem“ kennen lernen wollen. Was der Brexit für die bewährten Programme bedeutet, ist auf deutscher Seite noch unklar. Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen und Träger von Austauschprogrammen befürchten jedenfalls eine gravierende Verschlechterung der Beziehungen.

„Wir sind schockiert“, sagt Rüdiger Muermann, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation Partnership International (PI) in Köln dieser Zeitung. Seit Jahren organisieren sie Schüleraustausche. „England ist für deutsche Schüler in Europa das beliebteste Austauschland“, so Muermann.

Umbuchen nach Schottland?

Probleme könnte es durch neue Visa-Verfahren geben sowie durch steigende Preise. Offene Fragen ergeben sich auch bei Kranken-, Unfall- oder Haftpflichtversicherungen, wenn Großbritannien kein EU-Land mehr ist. Vorsorglich will PI nun die Kooperation mit Schottland ausbauen – auch dort gebe es sehr gute Schulen, so Muermann.

Auch AIFS Educational Travel, eine Organisation mit Sitz in Köln, die jährlich 5000 Teilnehmer ins Ausland vermittelt, wurde vom Brexit kalt erwischt. Zwar erwarte man in diesem Jahr noch keine negativen Auswirkungen, das könne sich aber ändern. Es müsse aber bisher kein Schüler nach Deutschland zurückkehren, auch die Ausreisen liefen zunächst weiter.

Hohe Studiengebühren in Großbritannien

Weit gravierender könnten die Folgen des Brexit für Studierende und Wissenschaftler sein, befürchtet der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) in Bonn. „Das britische Votum wird erhebliche Auswirkungen auf die Mobilität von Studierenden und Wissenschaftlern haben“, ist DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel überzeugt.

Betroffen ist vor allem das EU-Programm Erasmus, über das jährlich Tausende Studierende einen Aufenthalt im Ausland absolvieren, Großbritannien gehörte dabei zu den wichtigsten Partnerländern. Der Knackpunkt: Bisher sind Erasmus-Studenten von Studiengebühren befreit, EU-Studenten zahlen einen reduzierten Satz. Diese Vorzugsbehandlung dürfte künftig entfallen und ein Auslandssemester somit viel teurer werden.

Aus für Erasumus?

Rund 5000 deutsche Studenten gehen nach Angaben des DAAD jährlich für ein Studium oder Praktikum auf die Insel, allein aus NRW sind es im Schnitt rund 700. „Der Brexit ist erst einmal das Ende von Erasmus in Großbritannien“, sagt Prof. Christoph Heyl, Anglist an der Uni Duisburg-Essen.

„Das heißt, es wird organisatorisch viel schwieriger, wenn unsere Leute ein oder zwei Semester dort studieren wollen, was für ein Studium enorm sinnvoll ist“. Wahrscheinlich werde ein Studienaufenthalt „auch sehr viel teurer oder gar komplett unbezahlbar. Das alles kann einen großen Schaden für die kommenden Generationen anrichten.“

Katerstimmung bei britischen Forschern

Auch das NRW-Wissenschaftsministerium sieht negative Folgen für Erasmus sowie für gemeinsame Forschungsvorhaben. Diese könnten zwar sicherlich noch beendet werden, doch wie sie nach dem EU-Austritt Großbritanniens fortgeführt werden können, sei völlig unklar, so NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD).

Unter britischen Wissenschaftlern herrscht nach dem Brexit offenbar Katerstimmung: „Zahlreiche britische Partner-Unis haben sich in den vergangenen Tagen an ihre NRW-Partner gewandt und ihr Interesse an einer Fortsetzung der Kooperation deutlich gemacht“, sagt Prof. Gerhard Sagerer, Rektor der Uni Bielefeld und Vorsitzender des Landesrektorenkonferenz, der WAZ.

Eigentor für die Wissenschaft

Auch Sagerer sieht das erfolgreiche Erasmus-Programm auf der Kippe. Die drohenden Studiengebühren würden nach seiner Ansicht die Nachfrage nach Studienaufenthalten auf der Insel deutlich drücken. Und für Wissenschaftler „dürfte das größte Problem im Wegfall der Freizügigkeit liegen, was Aufenthalts- und Arbeitsrecht angeht“, so Sagerer.

Dabei seien die exzellenten Universitäten wie Cambridge, Oxford oder die London School of Economics äußerst beliebte Ziele für Studienaufenthalte, Gastprofessuren oder Forschungskooperationen. Bisher sei Großbritannien außerdem ein großer Nutznießer der EU-Forschungsförderprogramme gewesen. Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, bringt es auf den Punkt: Für die britische Wissenschaft war das Votum ein klares Eigentor.