Essen. Der Tatort „Liebeswut“ aus Bremen könnte ein starkes Drama sein – verliert aber durch den eigenen Anspruch an Wirkung
Der Bildschirm besteht zu Anfang nur aus der Farbe Rot, unterlegt mit dröhnenden Klängen. Das Rot kommt dann allmählich in Bewegung, wird immer schneller. Und dann plötzlich wird alles gegenwärtig, befinden wir uns im Zentrum eines Tatortes. Eigentlich ist es gar keiner, denn die junge schöne Frau in ihren ebenfalls roten Gewändern hat sich selbst das Leben genommen. Allerdings nicht, ohne einen abgeschirmten Brand zu hinterlassen und an den Wänden Schriften, die auf den Teufel hinweisen.
In diese Szenerie gerät nun die Kommissarin Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) mit ihrer Kollegin Linda Selb (Luise Wolfram). Ihnen ist sehr schnell bewusst, dass es noch zwei Kinder geben muss. Doch die sind offenbar nicht mehr aufzufinden, nicht an der Schule, nicht bei deren Vater und auch nicht bei den Großeltern.
Die Regisseurin will „kein Blatt vor den Mund nehmen“
Man könnte nun einen soliden „Tatort“ (ARD, 29. Mai, 20.15 Uhr) erwarten wie bei den ersten beiden neuen Bremen-Filmen. Doch der Regisseurin Anne Zohra Berrached reicht das alles nicht mehr. „Ich habe mir vorgenommen“, so ihr Statement, „kein Blatt vor den Mund zu nehmen, direkt, unmittelbar und laut“. Man kann gewiss sein, dass sie dieses Vorhaben auch filmisch durchsetzen wird, nicht immer aber wirkt es sich positiv aus. Man nehme nur die überzeichnete Figur des Nachbarn Gernot Schaballa (Mut zur Hässlichkeit: Aljoscha Stadelmann), eine widerliche Kreatur, die ohne Wassereis im Mund kaum existieren könnte. Dass Ermittlerin Liv sich abends in die schmierige Höhle dieses Löwen begibt und dort Essen auspackt, es mag uns nicht mehr verwundern.
Und auch nicht, dass diese Kriminalbeamtin verkündet, sie komme in eigener Sache und müsse sich dringend erinnern. Womit wir beim eigentlichen Kern dieses Films angelangt wären. Denn sowohl das Drehbuch von Martina Mouchot als auch die Regie wollen offenbar mitmischen bei all den vielen Ermittlern mit tragischem Erinnern. Derzeit scheint es ein Boom zu sein, statt eines Falles erst einmal die eigene Zerrüttung zu klären. Bei Liv ist es besonders schlimm ausgeprägt, denn in ihren „Flashs“ erlebt sie noch einmal eine Mutter, die ihr Kind immer öfter bei einem Nachbarn parkt. Es scheint tatsächlich so, als habe sie ihren Freund von damals nun in Schaballa wiederentdeckt.
Tatort „Liebeswut“ bietet viele schräge Typen auf
Ansonsten gibt es noch einige andere schräge Typen. Einer wie Thomas Kramer (Immerhin: Matthias Matschke), der Vater der verschwundenen Kinder, der nicht mal mehr in der Lage ist, eine Übergabe sauber abzuwickeln. Seine Lebensgefährtin (Milena Kaltenbach) schafft es zumindest, in der Wohnung ein Chaos zu veranstalten. Die Großeltern (Ulrike Krumbiegel, Thomas Schendel) haben seltsam wenig Interesse an dem Verschwinden der Kinder.
Auch Liv selbst zeigt sich diesmal in einer erschreckend kalten Art und Weise. Nicht nur, dass sie bei Schaballa während des Essens aufsteht und den Hausbewohner mit einem überraschenden Gabelstich in die Hand verblüfft. Nein, sie pöbelt auch noch gegen den Hausmeister jener Schule, aus der die Kinder verschwanden. Dieser eher sanfte Mann (Stark: Dirk Martens) mit einem Geheimnis will sich den „Kinderschänder“ nicht mehr anhören – und nimmt sich das Leben.
Es ist das eigentliche starke Drama in einem Film, der unbedingt anders sein möchte, es aber nur teilweise schafft.
Wertung: Drei von fünf Sternen