Moers. In Moers wird gefaucht und gezischt, getanzt und geängstigt: Jubel für die rasante letzte Intendanten-Inszenierung von Ulrich Greb.

Ulrich Greb, der als Intendant des Moerser Schlosstheaters im Sommer nach 22 Jahren in den Ruhestand geht, hat die Theaterpublikümer an Rhein und Ruhr wohl so oft wie niemand sonst auf Reisen geschickt, in Straßenbahnen und Gefängnissen, in verwaisten Möbelkaufhäusern, in Einkaufszentren und Fitness-Studios. Und nun, mit seiner letzten Inszenierung der Saison, geht er unter die Erde. Aber nur auf der Bühne des Schlosstheaters: Kafkas Erzählung „Der Bau“, die wenige Monate vor dessen Tod 1924 entstand, wird zum Gleichnis für das Leben in Zeiten von Egoismus und Misstrauen, von Konkurrenz und Neid als Lebensmuster, von Angst und Entsolidarisierung.

„Der Bau“ von Franz Kafka am Moerser Schlosstheater mit (von links) Matthias Heße, Marissa Möller und Leonardo Lukanow, im Hintergrund Ludwig Michael.
„Der Bau“ von Franz Kafka am Moerser Schlosstheater mit (von links) Matthias Heße, Marissa Möller und Leonardo Lukanow, im Hintergrund Ludwig Michael. © Jakob Studnar | Jakob Studnar

Kafka zieht sich wie ein roter Faden durch Grebs Inszenierungen, „In der Strafkolonie“, „Das Schloss“ und „Das Naturtheater von Oklahoma“ hat er ebenso auf die Bühne gehoben wie den verschwindenden „Hungerkünstler“ und das Romanfragment „Der Process“.

Kafkas Erzählung „Der Bau“: Auch defensives Wettrüsten schürt die Unsicherheit

Verglichen damit ist „Der Bau“ von einfacherer Struktur: Ein Tier mit menschlichem Bewusstsein erklärt, wie es sich im Wald unter der Erde einen Rückzugsort mit vielen Gängen und Plätzen, mit Moos als Tarnung und Falltüren gebaut hat. Die große Ausdehnung aber, die für Sicherheit sorgen sollte, schürt immer mehr und neue Ängste des Wesens, das in seinen äußeren Merkmalen nicht näher beschrieben wird. Auch das defensive Wettrüsten mit völlig unbekannten Gegnern schürt am Ende nur die Unsicherheit.

Es ist ja mit dem Wohlstand gar nicht anders: Je mehr davon da ist, umso mehr wird darum gefürchtet. Die Reichen sind arme Schweine, weil ihr Reichtum sie nicht ruhiger schlafen, sondern die Sorgen wachsen lässt. Und so hortet das Tier in seinem ausgefuchsten Bau die Jagdbeute, bis es die Vorräte vertilgen muss, um nicht davon überrollt, erschlagen zu werden. Die Gier nach Sicherheit wird zum Unsicherheitsfaktor. „Das große Glück, tief zu schlafen und mich dabei bewachen zu können“, bleibt ein Wunschtraum.

„Der Bau“ am Moerser Schlosstheater: Vier Tiere mit menschlichem Bewusstsein

Aus dem Tier mit menschlichem Bewusstsein werden in Ulrich Grebs Inszenierung nun Menschen mit tierischen Fellen, nicht nur durch Pelzmäntel, sondern auch mit animalischer Behaarung. Und selbst wenn sie sich gelegentlich in Kopulations-Übungen ergehen, so ist ihr Geschlecht nicht festgelegt, alle tragen Pumps. Und nicht nur die funkelnden Klunker an den Fingern, die Perlen am Arm und die glänzenden Colliers sind fett, auch die mit Polstern abgerundeten Leiber sind mehr als gut genährt.

Voll fett: Die vier Akteure in Kafkas Erzählung „Der Bau“, fürs Moerser Schlosstheater inszeniert von Ulrich Greb: (von links) Ludwig Michael, Matthias Heße, Leonardo Lukanow und Marissa Möller.
Voll fett: Die vier Akteure in Kafkas Erzählung „Der Bau“, fürs Moerser Schlosstheater inszeniert von Ulrich Greb: (von links) Ludwig Michael, Matthias Heße, Leonardo Lukanow und Marissa Möller. © Jakob Studnar | Jakob Studnar

Vor allem aber sind es vier Stimmen, die den Text des einen Wesens übernehmen, die sich anfangs sogar unablässig zur Seite drängen, um reden zu können – Schizophrenie hoch zwei, auch wenn die Sorgen und Nöte, von denen wir da hören, im Detail völlig nachvollziehbar, ja logisch sind. Die Vereinzelung von Wesen, die gesellschaftsfähig wären, wird hier auf die absurde Spitze getrieben. Dabei greift Greb zu vielen bewährten Hebeln seines Inszenierungs-Repertoires: Ironischer bis satirischer Musik-Einsatz („La Donna e mobile“ wie aus dem Dampfradio, wummernde Elektro-Beats) und Bühnennebel, Spiegelung und Fokussierung des Spiels in Videoaufnahmen, groteske Tänze und surreale Zuspitzungen wie eine Opernparodie.

Kafkas „Bau“ am Moerser Schlosstheater: Zischeln, Fauchen und Jaulen wölfischer Menschen

Der Clou aber ist ein metertiefer Vorhang aus durchsichtigen Plastikstreifen, der den verschwimmenden Blick auf das Geschehen nur widerwillig freigibt (Bühne und Kostüme: Birgit Angele). Da sind wir dann schon bei fundamentaler Erkenntnis-Skepsis, zumindest aber im Wissen um die Unschärferelationen menschlicher Einsichten. Dazwischen verfallen Marissa Möller, Matthias Heße, Leonardo Lukanow und Ludwig Michael vom Reden ins Zischeln, Fauchen und Jaulen wölfischer Menschen. Gegen Ende werden sie wie Marionetten ihrer Ängste und Sehnsüchte sprichwörtlich in den Seilen hängen. Die allzu sichtbare Leerstelle des Stücks – menschliche Solidarität – bildet seinen unsichtbaren Hoffnungsschimmer.

Kaum ein Durchkommen: „Der Bau“ von Franz Kafka im Schlosstheater Moers mit Ludwig Michael.
Kaum ein Durchkommen: „Der Bau“ von Franz Kafka im Schlosstheater Moers mit Ludwig Michael. © Jakob Studnar | Jakob Studnar

Der lange Premierenbeifall nach 85 pausenlosen Minuten fiel für die vier Akteure auf der Bühne (auch für die sportliche Seite ihrer Leistung) noch lebhafter aus als für das Regie-Team.

Weitere Aufführungen: 23., 26. und 28. Februar, 8., 13., 22. und 28. März, 4., 6. und 9. April. Karten: www.schlosstheater-moers.de