Paris. Die Vergewaltigungen an seiner Ex-Frau sind nicht die einzigen Taten, die Dominique Pelicot angelastet werden. Die Ermittlungen laufen.

Seine Verbrechen haben weltweit für Entsetzen gesorgt: Für den jahrelangen Missbrauch an seiner Ex-Frau Gisèle hatte Dominique Pelicot, der Hauptangeklagte im sogenannten Mazan-Prozess, im Dezember die Höchststrafe von 20 Jahren Haft erhalten. Immer wieder hatte er Gisèle Pelicot mit Schlafmitteln betäubt und sie entweder selbst vergewaltigt oder anderen Männern zur Vergewaltigung überlassen. Sein Urteil hatte der Franzose stillschweigend akzeptiert. Doch nun tritt er erneut vor den Richter. Es geht um sogenannte „Cold Cases“, Jahrzehnte alte unaufgeklärte Fälle, die nach Annahme der Ermittler einen gemeinsamen Nenner aufweisen: Dominique Pelicot.

Medienberichten zufolge, soll Dominique Pelicot sich am Freitag, 31. Januar, vor einer Ermittlungsrichterin in Nanterre, westlich von Paris, zum Mordfall Sophie N. äußern. 1991 hatte die damals 23-jährige Immobilienmaklerin in Paris einem unbekannten Mann eine Wohnung vorgeführt. Wie später die Autopsie ergab, wurde sie mit einem in Äther getauften Tampon betäubt und vergewaltigt, bevor der Unbekannte sie erdrosselte.

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1995 kam es zu einem ähnlichen Szenario, als ein Unbekannter eine Immobilienagentin in einer Wohnung im Vorort Villeparisis angriff und sie zu betäuben suchte. Sie konnte sich aber in einen Schrank retten, worauf der Mann flüchtete. Auch dieser Fall blieb unaufgeklärt – bis fünfzehn Jahre später die Ermittlungen in der Pelicot-Affäre einsetzten. Es zeigte sich, dass die DNA-Spuren in der Wohnung von Villeparisis und am Schuh der Geschädigten zu Dominique Pelicot gehörten. Er ist geständig, behauptet laut „Bild“ allerdings, er habe sein Opfer nicht vergewaltigen, sondern lediglich ausziehen und in Dessous sehen wollen. Den nach dem gleichen Schema abgelaufenen Mord an der 23-Jährigen, zu dem es keine Beweise gibt, bestreitet er hingegen.

Pelicot-Prozess: Frau erkennt mutmaßlichen Angreifer wieder

Die Polizei hat fünf Dossiers zu Sexualverbrechen zwischen 1980 und 2010 neu eröffnet. Eine weitere Frau beschuldigt Pelicot öffentlich, er habe sich im Jahr 1995 an ihr vergehen wollen. Sie habe damals als Zwölfjährige im 15. Stadtbezirk von Paris gelebt. Ein Mann habe an der Tür geläutet und sich als Elektriker ausgegeben, der den Stromzähler habe ablesen wollen. Einmal in der Wohnung, habe er das Mädchen jedoch gezwungen, sich auszuziehen. Mit einem in Äther getränkten Wattebausch soll er versucht haben, es zu betäuben.

Lesen Sie hier die Analyse zum Pelicot-Urteil.

Zum Glück sei, so schildert es die Klägerin heute, in dem Moment die Mutter zurückgekehrt, worauf der Mann die Flucht angetreten habe. Die Familie habe Klage gegen Unbekannt eingereicht, die Ermittlungen seien aber nicht weitergekommen.

Gisele Pelicot (r.) auf dem Weg ins Gericht in Avignon. Vor ihr geht ihre Tochter, Caroline Darian.
Gisele Pelicot (r.) auf dem Weg ins Gericht in Avignon. Vor ihr geht ihre Tochter, Caroline Darian. © AFP | Christophe Simon

Ende vergangenen Jahres, als die heute 42-jährige Frau die Gerichtszeichnungen und Fotos von Dominique Pelicot sah, erkannte sie nach eigener Aussage in dem früheren Angestellten des Stromkonzerns Electricité de France (EDF) ihren mutmaßlichen Angreifer wieder. Gegenüber dem TV-Sender M6 sagte sie, sie habe eine sehr präzise Erinnerung an den angeblichen Elektriker; sogar der Geruch des Äthers sei ihr geblieben.

Gisèle Pelicot für Friedensnobelpreis vorgeschlagen

Die gemeinsame Tochter der Pelicots, Caroline Darian hat die Gräueltaten ihres Vaters in einem Buch verarbeitet und einen Verein gegründet, der ein Bewusstsein für das Phänomen der Vergewaltigung unter Betäubung schaffen soll. Mitte Januar hatte sie in einem Interview mit der britischen Sender BBC erklärt, ihr 72-jähriger Vater sei „ein gefährlicher Mann, der im Gefängnis sterben sollte“.

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Dominique Pelicot hatte mindestens 50 anderen Männern, seine zuvor betäubte Frau zur Vergewaltigung zugeführt. 17 der Angeklagten, die beim Prozess im Dezember mit geringeren Strafen davongekommen sind, haben deren Berufung eingelegt. Der Berufungsprozess dürfte Ende dieses Jahres in Nîmes über die Bühne gehen. Dominique Pelicot wird dabei nur als Zeuge auftreten müssen, da er sein Strafmaß nicht anfechten will.

Gisèle Pelicot ist derweil Gegenstand einer Petition, die eine Britin lanciert hat, um die 72-jährige Französin für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Die Initiative hat bereits mehrere zehntausend Unterschriften zusammengebracht.