Ehestorf. Holger Hink und 14 Freiwillige bringen in der Werkstatt des Freilichtmuseums am Kiekeberg historische Fahrzeuge zum Laufen.

Dr. Trecker auf Chefvisite: Holger Hink schreitet durch seine Werkstatt und zählt auf, wer heute alles behandelt wird. Beim Tempo A 400, Baujahr 1942, ist der Vergaser defekt. Der Sambron-Muldenkipper braucht einen neuen Motor. Und bei einem besonders historischen Exemplar, dem Lanz HL 12, Baujahr 1921, macht der Antrieb Probleme. „Wenn der wieder fährt, gibt es ein Fest“, sagt Klaus Dippmann, einer der ehrenamtlichen Freizeitschrauber, die im Freilichtmuseum am Kiekeberg helfen.

Wenn einer den alten Traktor wieder zum Laufen bringen kann, dann ist es Holger Hink. Seit September 2015 leitet der gelernte Kfz-Mechaniker die Werkstatt. An Fahrzeugen hat er schon immer herumgeschraubt. Als Jugendlicher an Mopeds, als Erwachsener an Autos, Lastwagen, Baggern und Traktoren. Auch hat er mehrere Jahre den Fuhrpark in einem Garten- und Landschaftsbaubetrieb betreut.

Es riecht nach Öl. Draußen vor der Werkstatt zischt ein Schweißgerät, Schraubschlüssel klötern. In der Werkstatt arbeiten 14 freiwillige Helfer, die alle die Liebe zum alten Fahrzeug eint. „Es ist etwas ganz anderes, wenn man alte Technik auch zeigen kann. Sieht man sonst ja nicht mehr“, sagt Uwe Karsten.

Hans-Ulrich Schmidt und Uwe Karsten nehmen gerade einen besonderen Kleinlaster auseinander: Ein grünes Exemplar eines Tempo A 400. Der Kleintransporter ist eine Legende auf drei Rädern und hat für die Harburger eine besondere Bedeutung. Viele Jahre lief der Kleintransporter hier von der Werkbank. Der Kohlehändler Max Vidal und sein Sohn Oscar begannen 1928 mit der Produktion in Harburg.

Hans-Ulrich Schmidt (l.) und Uwe Karsten nehmen den Motor des Tempo A 400 auseinander
Hans-Ulrich Schmidt (l.) und Uwe Karsten nehmen den Motor des Tempo A 400 auseinander © HA | Bianca Wilkens

Dass sich vorn unter dem Motor nur ein einzelnes Vorderrad befand, hatte seinen Grund. Ein neues Gesetz regelte in den 1920er-Jahren, dass man für Fahrzeuge mit weniger als vier Rädern und Motoren mit weniger als 200 Kubikzentimetern Hubleistung keinen Führerschein brauchte und keine Steuern zahlen musste. Schon bald entwickelte sich der Lieferwagen zum Erfolgsmodell.

Für viele Nachkriegsfamilien war es das Gefährt, mit dem sie sich eine neue Existenz aufbauten. Bis 1950 lieferte die Fabrik 100.000 Fahrzeuge aus. „Das sind schon Raritäten hier“, sagt Hans-Ulrich Schmidt. Vor ihm liegt der ausgebaute Motor. Das Problem: Der Luftfilter fehlte. „Dadurch gelangte Sand in den Motor“, sagt Schmidt. „Es ist ein Wunder, dass sich der Motor nicht festgefahren hat“, sagt Werkstattleiter Hink.

Pro Jahr setzen die Männer ein Fahrzeug wieder instand

Zunächst haben die Männer, die karierte Hemden, Latzhose und Stahlschuhe tragen, das Kurbelgehäuse gesäubert. Und da sie jetzt ohnehin am Fahrzeug herumtüfteln, nehmen sie bei der Gelegenheit gleich alle weiteren Teile des Zweitakters unter die Lupe. „Sonst könnte es sein, dass wir wieder von vorn anfangen, nachdem wir alles zusammengebaut haben. Das macht nicht so richtig Laune“, sagt Hans-Ulrich Schmidt.

Die beiden beugen sich über die Bremstrommel, zerren und ziehen daran und versuchen vergeblich, sie zu lösen. „Die will nicht. Sitzt sowas von fest“, sagt Uwe Karsten. Doch mal abgesehen von störrischen Fahrzeugteilen sei das Zerlegen und Zusammenbauen des Tempo A 400 gar nicht so kompliziert, sagt Holger Hink.

"Ich bin ein absoluter Fan von Gegenkolbenmotoren", sagt Holger Hink und lässt ihn knattern © HA | Bianca Wilkens

Dank der Reparaturanleitung und des Ersatzteilkatalogs, die Schmidt jetzt auf seinen Knien balanciert. Die Hefte sind so etwas wie die goldene Bibel für die Schrauber in der Werkstatt. „Solange wir alles nachlesen und so Zusammenhänge verstehen können, ist es nicht kompliziert“, sagt Holger Hink. „Im Werk haben sie den Lieferwagen auch aus Einzelteilen zusammengebaut. Das hier ist auch nichts anderes.“

Jeden Woche kommen die Ehrenamtlichen in die Werkstatt und unterstützen Holger Hink bei seiner Arbeit. Pro Jahr wird ein Fahrzeug instand gesetzt. Für den Maschinenbauingenieur Uwe Karsten ist das Schrauben an den historischen Fahrzeugen der richtige Ausgleich. „Bevor ich zu Hause herumsitze, mache ich lieber sowas“, sagt er. „Wir haben unseren Spaß, und auch das Museum profitiert.“

Die Dampfmaschinen des Museums hatten es Hans-Ulrich Schmidt, der bei der Hamburger Hochbahn tätig war, zunächst angetan. Nach und nach fand er Gefallen daran, das Rätsel von defekten alten Fahrzeugen zu lösen. Und davon gibt es immer mehr in der Werkstatt, seit das Freilichtmuseum vor einigen Jahren eine neue Strategie ausgerufen hat. Die lautet: Alles, was geht, wird zum Laufen gebracht.

Schweißarbeit: Gerhard Masemann arbeitet an der Deichsel eines Anhängers
Schweißarbeit: Gerhard Masemann arbeitet an der Deichsel eines Anhängers © HA | Bianca Wilkens

Die Motoren sollen am Ende ordentlich knattern. Das Museum weiß um die Wirkung, wenn die Mitarbeiter beispielsweise einen Lanz-Bulldog vorführen. „Wo Geräusche sind, erzeugen wir mehr Interesse“, sagt Michael Grebe vom Freilichtmuseum am Kiekeberg. „Es ist schon immer unser Anliegen gewesen, die Besucher viel entdecken und erleben zu lassen. Die Fahrzeuge mehr zu bewegen als nur zu zeigen, passt insgesamt ins Konzept des lebendigen Museums“, sagt er.

Die Ehrenamtlichen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind die Multiplikatoren, die das Museumskonzept nach außen tragen. Dafür muss die Gruppe harmonieren. Bei der Wahl der Ehrenamtlichen sind Vorkenntnisse für Holger Hink nicht das Ausschlaggebende. „Ich brauche ein Team, das an einem Strang zieht. Die Wertschätzung muss da sein. Und das ist bei erwachsenen Männern nicht immer selbstverständlich.“

Die Faszination für Trecker ergreift immer mehr Menschen

Immer mehr Menschen interessieren sich für die Gruppe. Holger Hink hat längst keinen Platz mehr frei, bekommt aber jeden Monat neue Anfragen. „Ich könnte 50 Leute aufnehmen“, sagt er. Das Hobby zieht immer breitere Kreise. Selbst das NDR-Fernsehen widmet sich dem Trend, mit der Sendung „Treckerfahrer dürfen das!“ Woher kommt diese Faszination? „Jeder, der vom Land kommt, hat eine Erinnerung an alte Traktoren“, sagt Holger Hink. „Außerdem sind die Senioren heute sehr aktiv und suchen nach einer Beschäftigung.“

Uwe Karsten und Hans-Ulrich Schmidt haben es inzwischen geschafft, die Blechtrommel zu lösen. Aber: Die vordere Federaufnahme muss instand gesetzt werden. Hans-Ulrich Schmidt fragt sich, wie sie weiter vorgehen sollen. „Sollen wir eine eigene bauen oder eine bestellen?“, fragt Schmidt. „Wir versuchen, eine neue zu bestellen“, sagt Holger Hink. Und schon sind die Männer wieder einen Schritt weiter. „Holger hilft“, sagt Hans-Ulrich Schmidt und grinst. „Er trägt nicht umsonst den Namen Dr. Trecker.“

Das Traktorentreffen

65 historische Traktoren stehen im Freilichtmuseum am Kiekeberg. Etwa ein Drittel der Fahrzeuge sind betriebsbereit und werden regelmäßig vorgeführt. Zahlreiche historische Traktoren sind am Sonnabend und Sonntag, 8. und 9. September, jeweils 10 bis 18 Uhr, im Freilichtmuseum im Einsatz. Zwischen 400 und 500 Oldtimer aus Norddeutschland kommen ebenso zu dem Treffen.

Die Besucher können zudem Dampfmaschinen aus Deutschland, England und den Niederlanden erleben. Der diesjährige Schwerpunkt des Treffens ist die Holzverarbeitung.

Jede Woche treffen sich Ehrenamtliche in der Technik-AG, um alte Traktoren und Landwirtschaftsmaschinen zu reparieren, auseinanderzunehmen und wieder zusammenzuschrauben. Alle zwei Wochen werden die restaurierten Maschinen und Motoren sonnabends im Freilichtmuseum vorgeführt.

Das Museum am Kiekeberg ist mit der Traktorenszene gut vernetzt und holt sich bei Bedarf von unterschiedlichen Clubs Rat, etwa von den Freunden der Ritscher Trecker. Auch vom Tempo Club Deutschland bekommt die Werkstatt Tipps für die Instandsetzung alter Tempo-Fahrzeuge.