Hamburg . Andere Szenarien weitgehend ausgeschlossen. Flugblätter-Aktion brachte keine neuen Hinweise auf das Schicksal von Liam Colgan.
Seit mehr als vier Wochen wird der 29 Jahre alte Schotte Liam Colgan vermisst. Doch seine Angehörigen geben die Hoffnung nicht auf. Sein Bruder wird diese Woche wieder in Hamburg sein, um hier und in der Metropolregion nach ihm zu suchen. Tatsächlich aber, so glauben mittlerweile viele außerhalb der Familie, die mit der Suche zu tun haben, wäre es fast ein Wunder, wenn man den Schotten noch lebend finden würde. Denn es gibt bislang lediglich ein sicheres Lebenszeichen, und das stammt vom Tag seines Verschwindens. So hat die Polizei aktuell keinen Hinweis, dem sie gezielt nachgehen kann.
Die Beamten haben seit dem Verschwinden viele „Sichtungen“ des 29-Jährigen überprüft. Es waren seit dem 10. Februar rund 20. Nicht jede, so hat sich mittlerweile herausgestellt, war nach bestem Wissen und Gewissen mitgeteilt worden. So hatten beispielsweise Hinweisgeberinnen aus Buxtehude in der Vergangenheit schon auffallend oft Anzeigen erstattetet oder Tipps an die Polizei gegeben. Viele andere Hinweise waren zudem extrem vage, einige einfach nur kurios.
Mögliche Zeugen meldeten sich häufig zu spät
Oft meldeten sich mögliche Zeugen auch so spät, dass eine Überprüfung, beispielsweise mit Hilfe von Überwachungskameras im öffentlichen Raum oder im Nahverkehr, nicht mehr möglich war. Eine heiße Spur ergaben die Hinweise nie. Auch Suchaktionen mit Mantrailern, vor allem im Raum Buxtehude, brachten keine sicheren Hinweise. Dass einer der Suchhunde in einem Fall anschlug und über eine kleinere Strecke eine Spur verfolgte, kann, so wissen es Ermittler, auch einfach ein Fehler des Tieres gewesen sein.
Auch andere Ermittlungen verliefen im Sande. In den ersten Tagen der Suche hatte die Polizei drei Thesen: Der 29-Jährige hat eine Amnesie, er hat sich bewusst abgesetzt oder er ist verunglückt. Zwei Vermutungen sind weitgehend vom Tisch. Eine Amnesie, so erklärten hinzugezogene Fachmediziner, sei zwar denkbar, würde aber nicht so lange andauern. Zudem, da ist sich die Polizei sicher, hätte der Schotte, der in Deutschland keine Kontakte hat und nicht Deutsch spricht, irgendwo auffallen müssen.
Aufnahmen zeigen einen völlig betrunkenen Mann
Dass sich der Postbeamte aus dem geschichtsträchtigen Inverness, einer rund 50.000 Einwohner zählenden Stadt an der Nordostküste Schottlands, einfach aus dem Staub machte, um ein neues Leben anzufangen, glaubt man bei der Polizei ebenfalls nicht. Von den privaten Konten des Schotten wurde im Vorfeld der Reise nach Deutschland nicht auffällig viel abgehoben – obwohl der Mann das Geld dafür auf der Bank hat. Ebenso fehlt das Motiv.
Zudem gibt es seit dem Verschwinden keine einzige „elektronische Spur“. Dabei geht es nicht nur um das Handy des Schotten, das bereits zum Zeitpunkt seines Verschwindens abgeschaltet war, weil der Akku leer war. Auch seine Bank- und Kreditkarten wurden nicht eingesetzt.
Flugblatt-Aktion brachte keine brauchbaren Hinweise
„Wir haben aktuell nichts, wo man einsteigen kann“, heißt es von der Polizei. Daran hat auch die jüngste Aktion mit Hilfe der Post nichts geändert. Wie berichtet, wurden 300.000 Flugblätter gedruckt und über die Post an die Haushalte in Hamburg verteilt. Zuvor waren schon Fahndungsaufrufe mit dem Bild des Schotten auf digitalen Anzeigetafeln im öffentlichen Nahverkehr gezeigt worden. Die Flugblatt-Aktion brachte zwar Hinweise – doch keiner, so heißt es Seiten der Polizei, sei wirklich brauchbar. Beispielsweise habe ein Mann angegeben, er habe Liam Colgan an der Nasenspitze erkannt – mehr habe er aufgrund der Kapuze allerdings nicht sehen können. Die Hinweise auf den Schotten, so die Polizei, seien im Laufe der Zeit immer unkonkreter geworden.
Die Spur von Liam Colgan:
Von Edinburgh bis Buxtehude: die Spur von Liam Colgan
Das einzige echte Lebenszeichen ist nach wie vor die Aufnahme aus einer Überwachungskamera bei Gruner & Jahr an der Michelwiese. Sie zeigt den Schotten in der Nacht zum Sonnabend, den 10. Februar, um 2.20 Uhr. Etwa 50 Minuten vorher war sein Verschwinden aus dem Lokal „Hamborger Veermaster“ auf der Reeperbahn, wo er mit Freunden den Junggesellenabschied seines Bruders feierte, bemerkt worden. Die Aufnahmen zeigen einen völlig betrunkenen, nahezu orientierungslosen Mann. Ein Zeuge, der sich bei der Polizei meldete, will dem 29-Jährigen in der Nähe wieder auf die Beine geholfen haben, nachdem dieser gestürzt war.
Bei den Bildern einer anderen Kamera nahe des Michels könnte es sich zwar auch um Liam handeln, doch eindeutig ist er nicht zu erkennen.